Der Helipyli und seine fiesen Kumpanen

The ulcusmaker

Neulich war ich in der Stadt unterwegs. Es war Samstag und in der Fußgängerzone herrschte hektische Betriebsamkeit. Leute die einkaufen wollten, wie ich. Leute die das schöne Wetter nutzten, um entlang der Schaufenster zu bummeln und sich die Auslagen anzuschauen.

Als ich aus dem Buchlagen mit dem Namen der griechischen Muse des Lustspiels kam, klingelte mein Handy. Mit zwei Fingern kramte ich das Telefon aus der Jackentasche. Meine Frau, wie ich an der angezeigten Nummer im Display unschwer erkennen konnte. Ich drückte den grünen Knopf und hielt das Gerät ans Ohr. Was sie mir mitteilen sollte, war nichts Angenehmes.

Mein Freund Erich sei im Krankenhaus, im Marienhospital. Mit Magenblutungen sei er eingeliefert worden. Gestern am Freitag wäre er beim Internisten gewesen, um sich in den Magen schauen zu lassen. Er hatte seit einiger Zeit Probleme damit. Dabei seien diese Blutungen festgestellt worden. Der Arzt habe ihn dann gleich zur weiteren Behandlung ins Krankenhaus überwiesen.

Dort lag er nun, mein Freund Erich. Ich sagte meiner Frau, dass ich später noch nach ihm schauen werde.

 

Als alles, was ich in der Stadt vor hatte erledigt war, marschierte ich durch die Johannisstraße Richtung Krankenhaus. Drinnen drängten sich viele Menschen. Besucher strebten aus allen Richtungen dem Ausgang zu. Andere wiederum gingen in die entgegengesetzte Richtung und wurden von den Fahrstühlen verschluckt oder verschwanden in dem von der Halle abzweigenden Labyrinth aus Gängen.

 

An der Information erkundigte ich mich nach der Station und der Zimmernummer. Die Auskunft, die ich bekam, war nicht erfreulich. Der Mann an dem Computer hinter dem Tresen beschrieb mir den Weg zur Intensivstation. Ich hielt mich an seine Wegbeschreibung, passierte einige kreuzende oder abzweigende Gänge und Aufzüge und stand dann vor einer verschlossenen Glastür mit einem Hinweispfeil nach rechts zu einem Schild mit der Aufschrift <Intensivstation, bitten klingeln>.

Ich drückte den Knopf und nach einer etwas längeren Wartezeit kam eine junge Schwester, die sich freundlich nach meinem Anliegen erkundigte.

Ich fragte sie, ob ich meinen Freund Erich besuchen dürfe. Sie nickte. Ich solle mich aber noch einen Moment gedulden. Sie wolle schauen, ob es gleich möglich sei.

Keine zwei Minuten später kam sie zurück und bat mich, ihr zu folgen. Sie öffnete eine große Glasschiebetür und winkte mich hinein.

 

Erich hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen. Als ich ans Bett trat und ihn leise ansprach, schaute er zu mir hoch und lächelte. Er hätte nicht geschlafen, nur ein wenig die Augenlider entspannt, wie er mir schmunzelnd mitteilte.

„Mensch Erich, alter Haudegen, was hat Dich denn umgehauen, dass Du hier gelandet bist?“

Ich versuchte, die Situation ein wenig aufzuheitern. An seiner Reaktion merkte ich, dass mir das wohl gelungen war.

Erich lachte und erzählte mir, nachdem ich mich auf dem Stuhl neben dem Bett nieder gelassen hatte, seine Erlebnisse der letzten Tage.

Es sähe alles schlimmer aus, als es sei mit den Schläuchen und Verkabelungen zu den Überwachungsgeräten der Vitalfunktionen.

Was er mir berichtete, hörte sich aber nicht gut an. Auf meine Frage, wie es denn dazu kommen konnte schwieg er eine Weile, begann dann aber zu erzählen.

„In den letzten Monaten habe ich Probleme mit dem Magen gehabt. Das Essen wollte nicht mehr so recht schmecken. Auch die Portionen bis zum Einsetzen des Sättigungsgefühls wurden immer kleiner. Heute weiß ich warum. Wenn ich nur einen Happen zu viel herunterschluckte, gab es Schmerzen. Es drückte und brannte. Klar, wenn dort drei blutende Geschwüre sich gegen das Zudecken mit dem Nahrungsbrei wehren, oder!?“

„Aber, wie konnte es dazu kommen?“ wollte ich wissen.

„Da gibt es mehrere Faktoren, wie mir die Ärzte bestätigten“, antwortete er und fuhr fort, „das ist zwar eine längere Geschichte, die aber mit wenigen Worten erklärt ist. Rauchen, Tabletten, Helocobacter pylori sind die Auslöser für diese Misere. Über vierzig Jahre mehr als eine Schachtel Gauloises ohne Filter, die Schwarzen weißt Du, dazu täglich Schmerzmittel mit Acetylsalicylsäure und dann noch ein aggressiver Keim. Der hat sich die durch die Zigarettenschadstoffe und die Arzneistoffe verursachten Lücken, in meiner  Magenschleimhaut ausgesucht, um dort sein Unwesen mit Entzündungen und Geschwüren zu treiben. Hinterhältig, nicht wahr?

Diese Abhängigkeiten bereiten nach so vielen Jahren irgendwann Probleme, habe ich von den Ärzten zu hören bekommen. Ich sehe das ja selbst ein. Das Rauchen werde ich beenden, ist auch gesünder. Wegen der Tabletten werde ich mal mit meinem Hausarzt reden. Und dem fiesen Helipyli wird mit Antibiotika der Garaus gemacht, so der Plan der Mediziner.“

Er lachte und sagte noch, „Ich weiß nicht, ob das alles so klappt, wie ich und die Götter in Weiß uns das vorstellen, aber wir werden gemeinsam hart daran arbeiten.“

 

Ich war froh, dass Erich es so unkompliziert und pragmatisch nahm und daran nicht seelisch zu knabbern hatte. Mit schien es zumindest so, auch wenn ich in seinen Kopf nicht hinein sehen konnte. Ich hatte das Gefühl, dass ihn mein Besuch gefreut und ihm gut getan hatte.

Nach einer Stunde bekam ich von dem mittlerweile diensthabenden Pfleger einen dezenten Hinweis, den Besuch bald zu beenden.

Mit einer herzlichen Umarmung und dem Versprechen, ihn in den nächsten Tagen erneut zu besuchen, verabschiedeten wir uns.

„Das wird schon und grüß Deine Frau herzlich“, rief er mir beim Hinausgehen noch zu.

 

Der Pfleger begleitete mich noch Richtung Ausgangstür der Station und verschwand mit einem „Bis bald“ kurz vorher in einem Raum.

 

Auf dem Heimweg, den ich zu Fuß zurücklegte, habe ich lange über diesen Besuch nachgedacht.

 

 

Wir haben doch viel gemeinsam, der Erich und ich. Wir denken, fühlen und handeln ähnlich.

 

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