... und Du wirst immer mein Sohn bleiben!

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Meine Leseecke

Ich betrat das Wohnzimmer, weil ich mir aus dem Bücherregal etwas zum Lesen holen wollte. Als ich auf das Regal zuging, sah ich ein Buch auf dem Boden liegen. Es war aufgeschlagen.
Es kam mir vor wie ein Omen und ich entschied, in diesem Buch zu lesen. Es war ein schönes Buch, ich mochte es. Lauter kurze Geschichten. Alte Geschichten, die ich noch aus meiner Kindheit kannte, die Märchen der Gebrüder Grimm.

Sie haben mir in meiner Entwicklung nicht geschadet. Das kann man ja heute vielfach vernehmen, wenn über die alten klassischen Märchen gesprochen und diskutiert wird.
Als das Buch auf dem Fußboden lag, war übrigens das Märchen vom Dornröschen aufgeschlagen.

 

In meiner Leseecke befanden sich ein bequemer roter Sessel mit hoher Rückenlehne, ein kleines schmiedeeisernes Tischchen und eine Stehlampe für das richtige Licht. Auf dem kleinen Tischchen stand ein Kerzenleuchter mit 4 Kerzen, lag meine Lesebrille, aber nicht weitersagen, bitte. Da ich Kerzenschein immer als wohltuend empfand, steckte ich die vier grünen schlanken Kerzen mit einem langen Zündholz an.

Bevor ich mich setzte, schob ich noch einen Hocker vor den Sessel. Ich wollte meine Beine hochlegen. Der Tag war anstrengend und ich musste viel stehen im Laden. Da ich nun endlich lesen wollte, ließ ich mich in den Sessel fallen. Ich nippte noch einmal an meinem Glas Mineralwasser, lehnte meinen Kopf an das vorher zurechtgerückte Kissen zurück und schloss für einen Moment die Augen, um mich zu entspannen. Oh, war das wohltuend, den Kopf wie in Watte bebettet, die Füße hochgelegt und gedankenverloren die Augen geschlossen. Wenn jetzt noch jemand vorbeigekommen wäre und mir die verspannte Nackenmuskulatur massiert hätte, wäre der beginnende Abend perfekt verlaufen, dachte ich so bei mir. Es kam aber niemand. Schade!

Also nahm ich mein Buch, das noch aufgeschlagen auf meinem Schoß lag, griff mit der rechten Hand zum Schalter der Stehlampe und es wurde Licht. Ich begann zu Lesen.
Das Märchen vom Dornröschen, eine schöne Geschichte mit einem Happyend! Wie viele Male hatte ich das schon gelesen….und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Ich spürte eine leichte Berührung an meiner Schulter. „Halloooo“. Von ganz weit her hörte ich diese Stimme. Wie durch einen dichten Nebel drang sie aus großer Entfernung und mit einem Hall zu mir und wieder: Halloooo

Im gleichen Moment küsste mich jemand. Ich dachte bei mir, das muss der Prinz sein. Der Prinz, der in dieser Geschichte die Prinzessin wach küsst, nachdem er sich durch Jahrzehnte gewuchertes und schier undurchdringliches Dornengestrüpp gekämpft hatte. Was für ein Mann!! Seufz …

 

Ich öffnete ein wenig die Augen. Wie durch einen feinen Schleier sah ich meinen Prinzen.
Er hatte sich über mich gebeugt und legte seine Hand wieder leicht auf meine Schulter. Sein Körper stand in voller Größe vor mir. Alexander, 23 Jahre alt, ungefähr 1,90 Meter lang und gut gebaut. Was für ein hübsches Gesicht, die langen lockigen Haare, die hübschen Kleider und die Figur, dachte ich noch. Mein Prinz!

Im selben Moment hörte ich den Prinzen sagen: “Hallo, Mama, aufwachen, ich bin zu Hause. Ist was zu mampfen da, ich habe Kohldampf.“

Schneller kann man wohl kaum in die Realität zurückgeholt werden. Ich rieb mir die Augen und begrüßte ihn meinerseits mit einem Kuss: „Hi, mein Sohn, was geht? Was macht die große Liebe?? Alles roger? Gimmi 5!“ Ich hielt ihm die offene Handfläche entgegen und er schlug ein.

Wir lachten. Dies war exakt das Ritual, das wir jeden Tag pflegten, wenn er nach Hause kam und über das wir uns täglich wieder amüsierten.

Seine große Liebe hatte er mir erst vor kurzem vorgestellt. An diesem Tag muss ich ziemlich verdutzt und ungläubig aus der Wäsche geschaut haben. Sein Schatz kam mit ausgestreckter Hand auf mich zu, machte artig einen Diener und sagte: „Ich bin der Markus.“
Mein Sohnemann ergänzte noch: „ …und wir sind seit einigen Wochen zusammen, lieben uns und ich hatte große Muffe, es Dir zu sagen“.

Ein kurzer, von mir aber sehr intensiv wahrgenommener Moment des Schweigens, bevor ich die Situation entschärfte und die Initiative ergriff.

Ich nahm erst ihn, meinen geliebten Sohn und dann Markus in den Arm und erwiderte, erst etwas grinsend: „Da hab ich jetzt wohl einen weiteren Sohn bekommen“, danach ernster:
„Es ist gut so, ich freue mich wahnsinnig und aufrichtig für Euch Zwei Beide.
„Ich habe übrigens auch Papa davon erzählt“, rutschte es mir raus. „Oh, oh, und?“, kam fragend von meinem Alexander.

„Was hast Du auch Papa erzählt und warum oh, oh, und?“ hörten wir jemanden aus dem Flur rufend fragen.

Gerade eben war Papa nach Hause gekommen. Wir hatten ihn nicht gehört.
„Also, Alex“, so nannte er seinen „Kleinen“ von Kind an, „also mein Sohn, was die ganze Welt denkt ist mir scheißegal! Für mich gibt es nichts Wichtigeres auf der Welt, als Mama und Dich glücklich zu sehen. Und wir leben so, wir es für richtig halten. Und wenn mein Alex schwul ist, ist er schwul. Meinen Segen habt Ihr, Du und Markus. Der ist übrigens ein ganz feiner Kerl mit sehr guten Manieren, sagt Mama.“

In dem Moment fielen sich beide in die Arme, mein Mann und der *Kleine*
Nach einer Weile fügte mein Mann noch hinzu: „lass Dir von Niemandem zu keiner Zeit vorschreiben, wie Du Dein Leben zu leben hast. Folge immer nur Deinem Herzen.”

„Und eines sollst Du wissen“, schloss er, „ich stehe immer hinter Dir, Du kannst immer auf

mich zählen …

 

… und Du wirst immer mein Sohn bleiben.“

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Micha (Samstag, 19 November 2011 23:46)

    ...da geht mir doch glatt das Herz auf, so und nicht anders sollte es sein. Leider ist das selbst heutzutage nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Intoleranz ist und bleibt ein Thema und dann ist es erst recht gut und wichtig, wenn es so wie oben erzählt ist! ^^

  • #2

    Ulla (Sonntag, 20 November 2011 11:11)

    Erst haben viele Menschen vor dem Angst, was sie nicht kennen und nicht selber fühlen können, und dann haben sie Angst das Unbekannte kennen zu lernen, denn sie könnten ja Unrecht gehabt haben und das geht schon mal gar nicht :-(
    Schön geschrieben und so wünsch ich mir die Welt und die Menschen :-)