Nur diese eine Nacht

Es war ein schöner Sommerabend. Ich saß auf der Terrasse und der laue Wind streichelte meine gebräunte Haut.

Ich war wieder einmal solo.

Es war angenehm warm und ich hatte mir ein Glas kalte Milch eingeschüttet, ein Buch zum Lesen geholt und mich in den Gartenstuhl gesetzt. Es war keine anspruchsvolle Lektüre, die ich da zu Lesen begann. Ich wollte einfach nur ein wenig Ablenkung vor dem Schlafen gehen. Also las ich "Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen". Ich hatte in den Bücherschrank gegriffen und das Grimmsche Märchenbuch herausgezogen. Ich las und lese heute noch gerne diese Geschichten!

Lange war es mir aber nicht vergönnt, versunken in der Märchenwelt zu bleiben. Ein mehrmaliges Ding - Dong holte mich aus meiner Phantasiewelt. Es hatte an der Tür geklingelt. Ich erwartete niemanden mehr. Also schaute ich wieder in mein Buch. Ich hatte noch nicht einmal einen Satz gelesen, wieder Ding - Dong. Ich dachte, „man da ist aber jemand ganz schön hartnäckig“, legte das Buch verkehrt herum auf den Tisch und machte mich auf den Weg zur Haustür. Ich öffnete und was ich dann sah, nahm mir den Atem.
Mein Gegenüber quittierte meinen verdutzten Blick und meine Unsicherheit mit einem liebevollen Lächeln. Sie fragte mich: "darf ich reinkommen, ich möchte mit Dir sprechen." Sie duzte mich, dieser Engel duzte mich. Ich kannte sie vom Sehen und Beobachten. Sie wohnte gegenüber im ersten Stock in der kleinen Dachwohnung. Ich hatte sie öfter gesehen, wenn sie auf ihrem Balkon saß, wenn sie sich im Badezimmer zurechtmachte oder sich in der Küche aufhielt. Keines ihrer Fenster war durch eine Gardine oder eine Jalousie undurchsichtig gemacht. Ich erinnerte mich sofort an den Anblick ihres wohlgeformten Körpers, den ich schon öfter durchs Fenster gesehen hatte, wenn sie fast nackt vor dem Spiegel stand und sich die Haare fönte.

Sie war eine sehr hübsche, aufregende junge Frau und sie stand in diesem Moment vor mir. Ich wusste nicht, was da gerade geschah. Was wollte sie? Ihr knöchellanges, luftiges, geblümtes Sommerkleid umspielte ihre Figur wie Elfenstaub, den Tausende kleiner Elfen vor lauter Entzücken über Ihre Schönheit in Spiralen um ihren schlanken aufregenden Körper pusteten.
Also, noch mal, was wollte diese Frau von mir altem Knaben mit ein paar über fünfzig Jahren?

"Darf ich reinkommen?" fragte sie noch einmal, hob mit ihrem rechten Zeigefinger meinen Unterkiefer leicht und schloss damit meinen vor ungläubigem Staunen immer noch offen stehenden Mund.
"Selbst-, selbstverständlich, na klar, aber ja doch", stotterte ich verlegen und gar nicht souverän, öffnete weit die Tür und mit meinem linken Arm machte ich eine einladende Bewegung und bemerkte: "Komm rein, ich darf mal vorgehen, ich kenn mich ja hier aus." Ein größerer Schwachsinn fiel mir in dem Moment wohl nicht ein. Ich atmete mehrmals tief durch. "Ich habe gerade auf der Terrasse gesessen, wollen wir uns draußen hinsetzen?" fuhr ich fort.
"Ja, perfekt", entgegnete sie mir mit einem Kopfnicken.

Langsam wurde es dunkel, als ob just in diesem Moment jemand am Dimmer gedreht und das Licht ein wenig gedämpft hätte.

Nachdem ich mich wieder annähernd unter Kontrolle hatte und wir uns hingesetzt hatten, fragte ich sie, ob sie etwas trinken möchte. Sie schaute mich fragend an und betrachtete dabei mein halbvolles Glas Milch.
"Was hast Du denn anzubieten?", flüsterte sie, "hast Du einen Prosecco oder so ein Getränk, was so schön prickelt in mein Bauchnabel?" Puuhh, mir wurde so komisch, fast schwummrig. Es war schwül und ich fing an zu schwitzen. "Na klar habe ich einen Prosecco, gut gekühlt und genug für uns zwei", wurde ich mutiger. Ich ging in die Küche, nahm aus dem Kühlschrank eine Flasche Prosecco, aus dem Schrank im Wohnzimmer zwei meiner guten Gläser, denn mir fiel in dem Moment die Werbung ein, wo es mit guten und glänzenden Gläsern auch mit dem Nachbarn oder der Nachbarin klappt (verrückt, oder?) und ging wieder raus in den Garten. Sie hatte mein Märchenbuch in der Hand und lachte.
"Liest Du in Deinem Alter noch Märchen?" Ich merkte, wie mir die Scham langsam die Wangen hoch kroch. Ob ich gleichzeitig rot wurde, weiß ich nicht. Sie ergänzte dann noch etwas zu meiner Beruhigung: "Es ist doch schön, wenn man ab und an aus der realen in eine Phantasiewelt abtauchen kann, oder?" Ich dachte bei mir, Milch nee, die brauchst du nicht mehr, nicht mehr heute Abend. Ich war schon munter!

Also füllte ich die beiden Gläser mit dem Prosecco. Sie nahm ihr Glas zwischen den Daumen und den Zeigefinger der rechten Hand und hauchte mit spitzer Schnute "Prost." Ich tat es ihr gleich.
Kaum hatten wir unsere Gläser wieder auf den Tisch gestellt, stand sie auf und streckte mir die die rechte Hand mit der Handfläche nach oben einladend entgegen. Wie in Trance stand ich auch auf. Ich wusste in diesem Moment nicht, was geschah. Ich war nicht mehr Herr meiner Sinne. Unsere Blicke trafen sich nur einen kurzen Augenblick im Halbdunkel der bereits das Licht verdrängenden Nacht und des vor ihr resignierenden Tages. Es war wie ein Spiel. Sie neigte ihren Kopf nach unten, schaute hoch zu mir und ihre wunderschöne blaue Iris versteckte sich fast verschämt unter ihren Augenlidern. Der nächste Kontakt unserer Blicke elektrisierte mich regelrecht. Sie sah mich an, ich hielt meine rechte Hand in ihre Richtung und mit einer zärtlichen Berührung nahm sie meine Hand und hielt sie fest. Ich stand wie die Maus vor der Schlange, geradezu hypnotisiert.
Wir kamen uns näher und weil beide Oberkörper leicht zurückgelehnt waren, während wir uns an der Hand hielten, berührten sich zuerst unsere Oberschenkel und Hüften.

Dies war der Moment, wo ich die Augen schloss und dachte, nur nicht aufwachen jetzt, old man, nur nicht aufwachen! Ich fühlte ein wohliges, warmes Kribbeln in mir aufsteigen und an einer Stelle des Körpers war es besonders intensiv. Ich wusste gar nicht mehr, dass es diese Stelle gab. Es tat sich noch was. Seit Jahren hatte ich das nicht mehr erlebt, wusste nicht, ob es überhaupt noch funktioniert.

Sie zog mich zu sich heran, legte die Hände um meinen Hals und bewegte sanft ihre Lippen. Ihr Mund öffnete sich ein wenig, wohl in Erwartung dessen, was dann geschehen würde.

In diesem Augenblick schoss es mir wieder durch den Kopf. Mensch old man, du bist über Fünfzig und sie etwa Ende Zwanzig. Was geschieht hier? Ich fühlte ihre Finger, die sich durch meinen Nacken schlängelten und dachte nur noch, fuck, lass es einfach geschehen und genieße es.

Langsam, fast zögernd legte ich meine Arme um ihre Hüften und unsere Oberkörper berührten sich, pressten sich aneinander. Ich spürte ihre jungen straffen Brüste durch mein dünnes T-Shirt. Ihre Brustwarzen standen vor Erregung. Meine Hände fuhren zärtlich von ihren Hüften abwärts über ihren Po bis hin zu den Schenkeln. Durch den dünnen Stoff ihres Sommerkleides blieb mir kein Detail ihres wohlgeformten Körpers verborgen.
Unsere Gesichter waren kaum zwei Zentimeter voneinander entfernt und durch das Streicheln meiner Hände stimuliert trafen ihre Lippen zärtlich meine Lippen und wir küssten uns, erst abtastend, geradezu vorsichtig abwartend, dann intensiv, wild und leidenschaftlich. Wir zogen uns gegenseitig unsere wenigen Kleidungsstücke aus, was uns noch mehr erregte und ließen uns auf den von der Sonne während des Tages aufgeheizten noch warmen Rasen sinken.
Keiner ließ den anderen los und wir liebten uns. Es war pure Leidenschaft, wie ich glaubte, sie nicht mehr zu kennen und wie ich sie seit vielen Jahren nicht mehr erlebt hatte.

Ein dumpfes Grollen holte uns in die Wirklichkeit zurück. Ein Gewitter kündigte sich nach der Schwüle des Tages an.

Auch wir waren ziemlich aufgeheizt und hätten eine Abkühlung vertragen können.
Sie fragte: "Wollen wir reingehen und unser Spiel unter der Dusche fortsetzen?"
Ehe ich antworten konnte, nahm sie meine Hand und zog mich sanft in Richtung Eingangstür. Wortlos verschwanden wir im Haus.
Es musste erst der Tag mit seinem grellen Licht anbrechen und die resignierende Nacht verdrängen, bis wir das nächste Wort miteinander gesprochen haben.

Leidenschaft und Verlangen brauchen eben keine Worte.

Wenn wir uns heute begegnen, lächeln wir uns an, suchen mit verständnisvollen Augen den Blick des Anderen, berühren uns flüchtig, eher wie zufällig, dennoch gewollt und es knistert immer noch, wissend um unsere schönen Erinnerungen.

 

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