Die tollen Illustrationen im Text wurden von Christian Tebtmann erstellt. Mehr zu ihm unter Freunde oder auf seiner Webseite

Diese Geschichte spielte in einem kleinen Flecken genau in der Mitte im Nordland. Er lag tatsächlich präzise in der Mitte vom Nordland. Nach Norden zum Herrschaftsgebiet der Eisbären waren es genau so viele Meilen wie zum südlichsten Zipfel. Und von der See im Osten maß man ebenso viele wie nach Westen bis zu den gamla Fjällen, den alten Bergen, die Nordland vom benachbarten Königreich trennten.

Es war ein beschauliches Dörfchen, in das sich kaum ein Urlauber verirrte. Die Bürger gingen ihrer täglichen Arbeit nach. Etliche Bauernhöfe mit Kühen und Schafen, ein Sägewerk, ein kleiner Gutshof, ein Einkaufsladen, eine Schmiede und eine Kirche waren schon so ziemlich alles, was es dort gab. Es gab einen Bürgermeister und alles wurde demokratisch entschieden, es sei denn, der Pastor hatte etwas dagegen. Die große Politik beachtete die Gemeinschaft kaum, höchstens einmal, wenn die Steuern wieder erhöht wurden. Dann meckerten und protestierten die Leute eine Zeit lang und bezahlten schließlich doch. Sie waren ja nicht arm, die Leute von Ostbörga. So hieß die Siedlung mitten im schwedischen Wald. Das dörfliche Leben spielte sich im Gemeinschaftshaus ab. Dort wurden Feste gefeiert und einmal im Monat kam sogar der Mann mit dem Kinematographen, wie die Bewohner stolz sagten, und führte einen Film vor. Das war ein gesellschaftliches Ereignis. Beschaulich war es in dem kleinen Kaff. Es gab noch Wölfe und Bären. Menschen und Tiere lebten friedvoll miteinander und respektierten sich gegenseitig.

 

Ein Ereignis ließ die Ruhe im Dorf völlig schwinden. In den zum Jagdbezirk gehörenden Wäldern lebten auch Elche. Es war Frühsommer und die Elchkühe brachten ihre Jungen zur Welt. So war es auch bei der Elchfamilie Ädel. Sie waren die Nachkommen der mächtigsten und ältesten Dynastie von Elchen im ganzen Nordland mit Verwandtschaft in allen Wäldern des nördlichen Reiches. Stattliche Bullen gehörten zu ihren Ahnen, die immer den feinen Kühen, die durch den Wald flanierten, den Hof machten. Heute ist das ja mit solchen Adeligen etwas anders. Aber Macken haben sie allemal noch.

Aber zurück zur Familie Ädel. Manche Regenbogenchroniken behaupten sogar, dass das Geschlecht der Ädels direkt von den Dinosauriern abstamme. Das wäre allerdings eine ellenlange, ach was sag ich, eine meilenlange Ahnentafel.

Auf jeden Fall war Mutter Ädel in den Wald gegangen, um ihr Kind zur Welt zu bringen. Den Vater interessierte das nicht so sehr. Der stand lieber bis zum Bauch im See, der am Dorfrand lag. Dort tauchte er mit dem Kopf unter Wasser und zupfte mit seinen langen Lippen die frischen zarten Triebe der Wasserpflänzchen vom Grund des Sees. Dann aber hob er doch den Kopf und schaute zum Waldrand. Dort stand seine Frau mit dem kleinen Elch und winkte mit dem Kopf. Sie deutete ihm so, dass er doch bitte zu ihr kommen solle. Gemächlich bewegte er sich zum Ufer, schüttelte sich das Wasser aus dem Fell und machte sich auf den Weg zum Wald.

„Haben wir nicht einen prächtigen Sohn bekommen“

„Hmm, ja! Das ist ein echter Ädel, das kann keiner leugnen“, und er betrachtete das kleine Etwas von allen Seiten und beschnupperte es. Der Kleine rückte ob der Statur des Alten und dessen riesiger Nase ängstlich unter Mamas Bauch.

Vater grinste und meinte „Das wird sich schon noch geben mit der Scheu, warte nur mein Söhnchen.“

„Wir müssen einen passenden Namen für ihn finden.“

„Aus dem wird mal was ganz Besonderes“, erwiderte der Alte „und dafür braucht es auch den passenden Namen.“

Wie recht er behalten sollte, davon soll später die Rede sein.

Er dachte kurz nach und proklamierte „Wir nennen ihn KUNG. Kung Ädel, das ist ein angemessener Name.“

„Du wirst einmal der König der Elche in diesem Land werden, mein kleiner Liebling“, ergänzte strahlend die Mama.

Und so geschah es. Von nun an wurde der noch ängstliche kleine Elchbulle Kung gerufen. Die anderen Tiere im Wald lachten schon. Das war dem angehenden Herrscher dieses und der angrenzenden Wälder aber egal. Wenn ich erst mal groß bin, dann …, dachte er. Na ja, sein Selbstvertrauen hatte er auf jeden Fall von seinen Ahnen geerbt.

Er wuchs heran und lernte die anderen Bewohner des Forstes kennen. Auch die Menschen sah er bei den Ausflügen mit seiner Mama zum Waldrand und zum See. Sie erzählte ihm alles über die kleine Welt rund um Ostbörga, sein neues Reich.

 

 

Björn und die Tiere in der Scheune
Björn und die Tiere in der Scheune

Der Sommer zog vorüber und es wurde Herbst. Die Blätter der Bäume änderten ihre Farbe, die Mäuse und die Eichhörnchen hasteten eilig durch den Wald, um Nahrung für den langen nordischen Winter zu sammeln. Eines Morgens wachte der Kleine durch ein lautes Krachen auf. Seine Mama hielt den Huf vor ihre Schnute und flüsterte „Psst, komm steh auf Junge, wir müssen nun gehen. Die Elchjagd beginnt.“

Kung verstand nicht, vertraute aber seiner Mama, wie er es bei Allem getan hatte und nie enttäuscht wurde. Sie trabten zum Waldrand Richtung Dorf. Einer der Bauernhöfe lag etwas abseits, näher am Wald. Ein großer Hof mit einem kleinen Bewohner, der ein riesengroßes Herz für alle Tiere hatte.

Ein kleiner Junge namens, äh ich nenne ihn mal Björn, weil Emil und Michel aus urheberrechtlichen Gründen schon vergeben sind. Und dieser Björn hatte sich etwas ausgedacht, um den Elchen zu helfen. Seit vier Jahren war in und um Ostbörga herum kein Elch mehr geschossen worden. Die Jäger verzweifelten langsam und wussten sich keinen Rat.



Gab es dafür doch eigentlich eine ganz simple Erklärung. Nicht weit von dem Hof stand eine alte Scheune, die langsam zerfiel und nicht mehr genutzt wurde. Sie stand aber noch und hatte auch noch beide großen Tore, die zu verschließen waren. Diese Tore standen nun auch wieder weit offen und Björn daneben und wartete. Langsam trabten sie alle nacheinander durch das große Eingangstor, alle Elcheltern mit ihren Kindern, allen voran natürlich Familie Ädel. Allesamt aus dem Jagdbezirk waren sie wieder gekommen, um für einige Tage Schutz zu suchen in der alten Scheune. Es wurde jedes Jahr enger in der kleinen alten Scheune. Björn hatte auch schon Heu und frische Zweige zum Fressen und Stroh zum Schlafen verteilt. Die Jagd dauerte etwa eine Woche und dann gingen sie ja wieder in den Wald hinaus.

„Vielen Dank, kleiner Björn. Du bist ein gutes Menschenkind. Wir danken Dir für Deine Hilfe und Deinen großen Mut.“

Alle um sie herum nickten zustimmend mit den Köpfen.

„Bitte, gern geschehen, Frau Ädel“, brummte Björn, der ein wenig Elchisch gelernt hatte, seitdem er diese Aktion das Erste Mal organisiert hatte. Wenn das die Eltern und die Jäger herausbekommen hätten, wäre Björn wohl zwei Wochen nur herumgelaufen. Sitzen wäre dann sicher wegen des versohlten Hosenbodens nicht möglich gewesen.

Nach ein paar Tagen in der Scheune zogen die Tiere wieder in den Wald hinaus. Kung wuchs heran und erlebte seinen ersten Winter. Hart war diese Jahreszeit für Mensch und Tier in Mittelnordland. Die Kälte, der tiefe Schnee und kaum was zum Futtern waren nicht die besten Voraussetzungen für ein angenehmes Dasein. Alle mussten den Gürtel enger schnallen, um diese karge Zeit ohne große körperliche Schäden zu überstehen.

Kung ging es nicht anders. Er zupfte mit den Lippen die dünnen Äste der Bäume und Sträucher herunter, knabberte die Rinde ab oder verspeiste den ganzen Zweig samt Knospen.

 

Nach etlichen entbehrungsreichen Wochen wurden die Tage wieder länger und die Natur bereitete sich auf einen neuen Frühling vor. Das Weiß des Winters ergab sich den allmählich steigenden Temperaturen. Eis und Schnee tauten merklich. Alle spürten diese Veränderung.  

 

An einem der nächsten Tage war im Dorf der Reporter der regionalen Tageszeitung angekommen. Er hatte viel von den Ädels gehört und wollte nun eine Reportage für das Ostbörga Tageblatt schreiben. Es sollte ein unvergessliches Erlebnis für diesen Vertreter der schreibenden Zunft werden. Das ahnte er nur noch nicht. Ein Foto von Kung war für diesen Artikel auch geplant. Der Journalist ging am späten Nachmittag mit Björn zu der alten Scheune nahe am See. Dort angekommen nahm er das Stativ mit dem Fotoapparat von der Schulter und stellte es auf die Wiese. Der Junge ging langsam zum Waldrand und rief nach den Elchen. Es dauerte auch nicht lange, da stolzierte ein gut gewachsener junger Elchbulle aus dem Unterholz. Es war Kung. Seine Mutter folgte ihm, blieb aber am Rand des Gehölzes stehen.

Björn wies mit dem Finger Richtung Waldrand.

„Das ist Kung. Er wird einmal der stattlichste Elch in der ganzen Umgebung sein“.

„Kann der auch etwas näher kommen, damit ich ein Foto von ihm machen kann?“

Das Bürschchen drehte sich um und brummte einige Laute. Kung schien ihn verstanden zu haben und näherte sich vorsichtig. Einige Meter vor den Menschen baute er sich imposant auf und zeigte seine ganze noch nicht so majestätische Erscheinung. Aber was nicht ist, konnte ja noch werden. Und es wurde!

Der Fotograf fummelte ein bisschen an dem Gerät herum und löste mit dem Knopf nicht nur die Kamera sondern wegen des immer noch dämmrigen Tageslichtes auch einen grellen, blendenden Blitz aus. Er wusste ja nicht, was er damit angerichtet hatte.

Kung brummte laut und lief auf den Journalisten zu. Der bekam es mit der Angst zu tun, griff nach seinem Arbeitsgerät und lief mit der geschulterten Kamera in Richtung See. Das Eis dort am Rand war in den letzten Tagen ziemlich dünn geworden.

Angesichts des auf ihn zu schnaubenden Riesentieres machte er einen Schritt auf die Eisfläche. Kung gab ihm mit der Nase noch einen kleinen Stoß in den Rücken und der Mann stolperte drei Schritte vorwärts. Beim letzten Schritt brach er dann im Eis ein. Bis zu den Oberschenkeln stand er im Wasser und es war lausig kalt um seine Beine. Er verstand die Welt nicht mehr, hatte er doch nur ein Foto machen wollen. Er konnte ja nicht ahnen, dass der Elch so reagieren würde. Der aber lief wieder zur Scheune und erklärte dem kleinen Björn, der ihn fragend anschaute, warum er so ausgerastet war. Der Junge schmunzelte und ging zum See hinab.

„Was war denn das?“ fragte der Reporter bibbernd.

Reporter im Wasser Elch zufrieden
Reporter im Wasser Elch zufrieden

„Kung hat ein Augenleiden und wenn ihn etwas ganz doll blendet, tut ihm das weh und er wird ein weinig ungnädig“, erklärte Björn.

„Ein wenig ungnädig?“ rief der Reporter mit erhobener Stimme, „dieses wilde Ungeheuer hätte mich fast umgebracht“.

„Nein, er ist kein Ungeheuer! Bitte schreiben Sie so etwas nicht. Es hat ihm nur wehgetan in den Augen und da ist er ausgeflippt. Bitte nennen Sie ihn nicht Ungeheuer. Kommen Sie erst einmal aus dem Wasser.“

Kung war längst wieder ihm Wald verschwunden. Nachdem der Redakteur sich seine nassen Beine, die Hose, die Socken und die Schuhe bei Björn zu Hause getrocknet hatte, musste er schließlich schmunzeln über die Begebenheit. Am nächsten Tag konnte man in der Zeitung über den stolzen Elch lesen und sich ein schönes Bild dieses Tieres anschauen.

 

Durch diesen Artikel ermuntert, kamen immer wieder Leute in das Dorf und wollten den „Star“ des Waldes sehen. Und solange die Besucher am Tage kamen und ihre Fotos vom Elch machten ohne den Blitz zu benutzen, war die Welt in Ordnung.

Auch im Dorf wirkte sich dieser Trubel um den Fotoelch durchaus positiv aus. Herr Bullersson verdiente mehr Geld in seinem kleinen Dorfladen und auf dem kleinen Gutshof waren die Fremdenzimmer gefragt wie sonst nur zur Winterzeit, wenn das größte Ereignis des Jahres in der Umgebung stattfand. Das war der große Skilanglauf in Mittelnordland. Läufer aus dem ganzen Land und sogar welche aus dem Ausland liefen hier für Ruhm und Ehre und sicher auch für die Kronen, die es als Preisgeld für die Schnellsten gab. In manchen Jahren war es der König in höchsteigener Person, der den Startschuss gab und die Läufer auf die rund einhundert Kilometer lange Strecke schickte. Selbstredend blieb er dann auch bis zur Siegerehrung und verteilte die Preisgelder. Aber das nur nebenbei.

 

Kung war ein sehr verträgliches Fotomodel und die Besucher hatten ihre Freude an diesem Geschöpf. Und so kam es in der Folge zu vielen schönen Begegnungen zwischen den Vier- und den Zweibeinern. Die anderen Tiere des Waldes betrachteten dieses mit ziemlicher Skepsis und mit wenig Verständnis. Das war dem königlichen Elch aber schnuppe. Er und Björn hatten sogar eine Vereinbarung getroffen. Die Kinder des Dorfes, aber auch die der Besucher, durften auf dem Hals und dem Rücken des Elches reiten. Dieser Spaß war natürlich nicht gratis und verbesserte die Taschengeldsituation des geschäftstüchtigen Björn beträchtlich. Eine Krone kosteten zehn Minuten auf dem Rücken des Vierbeiners. Die Kinder hielten sich, vor allem wenn der Elch trabte, krampfhaft an dessen Schaufeln fest.

Aber auch ziemlich skurrile Dinge geschahen, wenn ein Besucher mal wieder die Kamera mit Blitz benutzte. Im Laufe des Sommers kam es dann zu dem ein oder anderen Zwischenfall. Immer war der Vierbeiner der Überlegene und den Zweibeinern blieben nur das Gelächter und der Spott der Zuschauenden.

Es war Midsommar, in diesem Jahr ein trüber, regnerischer Tag und keinesfalls für Feiern unter freiem Himmel geeignet. Den Bewohnern von Ostbörga war das jedoch einerlei. Auch bei diesen Wetterbedingungen wollten sie ihr Fest feiern und richteten dafür die alte Scheune mit allem her, was dazu gehörte. Eine Midsommarstång, Tische, Bänke, Lichter, ein Buffet und Getränke wurden dort hingetragen, um die Sommersonnenwende ausgiebig mit Essen, Trinken und Tanz zu bejubeln.

Besucher waren auch dort. Sie wollten den Elch sehen und möglichst ein schönes Foto von ihm mit nach Hause nehmen.

Einer fotografierte aus dem Auto heraus. Bei dem Wetter hatte dieser Trottel den Fotoapparat aus dem Autofenster gehalten, auf Ädel Junior gerichtet und im nächsten Moment war es passiert.

Kung auf der Kofferraumklappe des Autos
Auf der Kofferraumklappe des Autos

Kung brummte fürchterlich und trabte in Richtung Weg zu dem Auto, aus dem es geblitzt hatte. Der Fahrer versuchte noch den Wagen zu starten, was ihm auch gelang, aber das Auto reagierte bereits nicht mehr auf den heruntergedrückten rechten Fuß auf dem Gaspedal. Kurz vorher hatte es einen mächtigen Krach gegeben und das Vorderteil mitsamt Antriebsrädern hing in der Luft. Der Vierbeiner hatte seine Vorderläufe auf die Kofferraumklappe gestellt und das Heck des Wagens mit seinem doch schon recht beachtlichen Gewicht heruntergedrückt.

Das war natürlich ein Heidenspass für alle Umherstehenden und man hörte das Klicken der Auslöser etlicher Fotoapparate. Niemand wollte sich dieses seltene Schauspiel entgehen lassen.


Die Schadenfreude war auf den meisten Gesichtern abzulesen. Ein Elch, der mit seinen Beinen auf dem Kofferraum eines Autos stand, dort eine riesengroße Beule hinterlassen sollte und das Gefährt am Wegfahren hinderte. Ein tolles Motiv für alle Fotobegeisterten.

 

An einem der nächsten Tage kam ein Bus angefahren und hielt vor dem kleinen Laden. Ein Fahrgast stieg aus und ging hinein.

„Wo kann man denn hier den Elch sehen?“ wollte der recht gut gekleidete Mann von der alten Frau Bullersson hinter dem Verkaufstresen wissen. Diese blickte durch das Fenster und sah den Bus.

„ Oh, ein ganzer Bus voller Kinder. Sie können ihn gleich hinter dem Geschäft auf dem großen Platz abstellen“.

„Ist es noch weit?“

„Nein, vielleicht fünf Minuten mit der ganzen Rasselbande zu Fuß. Sie müssen der Straße und dem Weg nach rechts folgen, dann können Sie es nicht verfehlen. Meistens ist der kleine Björn dort.“

Der Mann bedankte sich, fragte noch, wie lange später geöffnet sei, verabschiedete sich, verließ den Laden und ging zum Omnibus. Dort wies er dem Fahrer den Weg zu dem Parkplatz. Alle Kinder stiegen lärmend aus und tollten umher. Der Mann vorhin aus dem Laden war der Lehrer und er versuchte verzweifelt Ordnung in das Gewimmel zu bringen. Er stand auf dem Platz. Seine Daumen hatte er hinter seinen Hosenträgern und zog leicht daran. Nach einiger Zeit hatte er die Bande dann beruhigt. Er ging voran und die Kinder folgten ihm. Auf dem Weg am See überholten ihn schließlich die Kinder. Sie hatten bereits Björn und den Fotostar gesehen.

„Dürfen wir auch mal auf ihm reiten?“ riefen sie Björn schon von weitem entgegen. Der wartete bis sie bei ihm angekommen waren und meinte: „ Also, wer reiten will, stellt sich dort an der Scheune auf. Es kostet aber eine Krone.“

Einige taten, wie Björn gesagt hatte. Er ging auch zur Scheune und nahm jedem, der auf dem Elch sitzen wollte die Münzen ab. Der Reihe nach durften nun die Schulkinder auf dem Vierbeiner ihre Runden drehen und hielten sich dabei an dem Geweih fest. Björn war äußerst zufrieden mit den heutigen Einnahmen. Er würde sie, wie auch schon den anderen in der Kooperation mit Kung erzielten Gewinn in eine Dose legen. Die hatte er in der alten Scheune gut versteckt. Er sparte. Einen Teil wollte er für sich ausgeben und für den Rest für Mama und Papa Weihnachtsgeschenke kaufen. Er hatte in dem Laden von Herrn Bullersson einen schönen warmen Schal für seine Mama gesehen. Und für seinen Papa wollte er die dicke Mütze kaufen, mit Fell innen und Klappen, die als Kälteschutz über die Ohren hingen.  Die alte Frau Bullersson hatte ihm bereits einen Freundschaftspreis für die beiden Sachen genannt. Die Eltern freuen sich bestimmt über solche Geschenke, dachte er bei sich. Er musste sich nur noch überlegen, wie er das Geld dafür verdienen konnte. Bis zum Herbst mussten noch einige Kronen eingenommen werden, sonst würde das nichts mit den Geschenken.

Der Lehrer schreckte ihn aus seinen Gedanken auf.

„Ob ich denn gleich mal ein Bild von dem Elch machen kann?“

„Aber klar, geht gleich los. Nur noch eine Runde mit den Jungs traben, dann steht das Model Ihnen zur Verfügung, Herr Lehrer“, grinste Björn. Er hatte die Kamera, die um den Hals des Mannes hing gesehen und dachte, „hoffentlich benutzt er den Blitz. Ich will doch wissen, was geschieht und wie das ausgeht.“

Kung hatte die letzten Trabanten abgesetzt und bewegte sich in Richtung Mann mit Kamera. Auch er sah das Blitzlicht und schnaufte leise. Etwa zehn Meter vor dem Fotografen blieb er stehen und posierte. Dieser nahm seinen Fotoapparat, drehte am Objektiv und an einem Rädchen an der Kamera und drückte den Auslöser. 

Es blitzte und im gleichen Moment vernahm er ein lautes Schnaufen. Er sah zu dem Vierbeiner, drehte sich hektisch um und fing an zu laufen. Als er an den Zaun kam, hatte Kung ihn eingeholt. Ängstlich stand der Lehrer mit dem Rücken zum Zaun, weil der Kopf und die Schaufeln des Elches seinen Schultern bedrohlich nah waren. Mit einem kleinen Ruck lupfte der Elch mit seiner rechten Schaufel die Kapuze der Jacke ein wenig an und hob den Lehrer empor in die Luft. Dieser zappelte und schrie um Hilfe. Kung hängte ihn an einen hohen Zaunpfahl und trabte sichtlich zufrieden Richtung Wald.

Ja, so war er, der König der Elche. Unwirsch über die Schmerzen, die durch den Blitz in seinem Kopf verursacht wurden. Andererseits blieben seine Reaktionen aber doch ohne ernsthafte Folgen für die Verursacher der Qualen, bis auf das verbeulte Auto vielleicht.

Mit vielen Besuchern, einem überreichlich beschäftigten Elch, dem geschäftstüchtigen Björn und zufriedenen Dorfbewohnern ging dieser für fast alle erfolgreiche Sommer seinem Ende zu. Es kündigte sich in den nächsten Wochen die Zeit der Entbehrungen an. Auch die Jagd stand wieder bevor. Wie in den Jahren zuvor suchten die Tiere wieder Schutz bei ihrem menschlichen Freund Björn. Dieser hatte bereits die Scheune vorbereitet für die Woche der Notlage der Vierbeiner.

 

 

Der Herr Lehrer hängt am Zaun
Der Herr Lehrer hängt am Zaun

Als das Geballer, das ja mangels vierbeiniger Beutetiere gar nicht stattfand, vorüber war, verschwanden sie alle wieder in den Wald. Voran die Elche und hinterher die Rehe, Hasen, Dachse, also die niederen Bewohner des Elchlandes.

 

Vater Ädel blieb bei der Scheune zurück.

„Weil Du uns Vierbeinern in den letzten Jahren immer so mutig geholfen hast, möchten wir Dir etwas schenken“, brummte der Alte mit den mächtigen Schaufeln.

„Mir? Etwas schenken?“ Björn war überrascht.

„Geh nach Haus und hole einen Spaten. Ich warte hier auf Dich.“

Björn rannte, weil er es kaum erwarten konnte zu erfahren, was für ein Geschenk er bekommen sollte.

Ein paar Minuten später traf er wieder bei der Scheune ein und der alte Elch machte sich auf den Weg in den Wald. Björn folgte ihm mit dem Spaten auf seiner Schulter. Auf einer kleinen Lichtung stoppte Vater Ädel vor einem großen Baum. Goldgelb schimmerte es in der Nachmittagssonne. Eine gewaltige alte Lärche hatte ihre Nadeln herbstlich gelb eingefärbt.

Der Elch scharrte mit einem Huf an einer Stelle unter dem alten Baum und brummte: „Hier musst Du graben, kleiner Björn.“

Der ließ sich das nicht zweimal sagen und begann gleich zu buddeln. Nach nur einem Spatenstich stieß der Junge auf etwas Hartes. Wenige Zentimeter tiefer kam der Deckel eines Behälters zum Vorschein. Björn wurde immer aufgeregter und nach einigen Minuten hatte er die Holzkiste ans Tageslicht geholt. Es roch modrig und an einigen Stellen war das Holz schon sehr angegriffen.

 

 

Der Schatz
Der Schatz

„Mach sie auf und sieh nach, was darin ist“, forderte der Schaufelträger Björn auf.

„Da ist aber ein Schloss.“

„Dann nimm den Spaten und schlag es ab. Ist ja sowieso ziemlich morsch, das Teilchen.“

Björn holte aus und mit der Spitze des Spatens entfernte er mit einem Hieb das Hindernis. Mit leicht zitternden Fingern klappte er den Deckel hoch. Darunter versteckten sich drei kleine Schachteln. Eine nach der anderen hob er heraus und stellte sie auf den Waldboden. Nach und nach lüfteten sie ihre Geheimnisse. Heraus kamen Geldmünzen, eine in Ölpapier gewickelte Taschenuhr und in einem Lederbeutel verbarg sich ein Buch.

Aus dem Buch schaute oben ein Brief heraus. Er war an den Finder dieses Schatzes gerichtet. Björn zog ihn aus dem Couvert und schaute auf die erste Seite. Ganz oben auf dem Papier stand ein Name. Dem Jungen war dieser Name sehr vertraut, trug er doch den gleichen Familiennamen. Also musste diese Kiste von einem seiner Vorfahren dort in der Not vergraben worden sein.


Er fiel Vater Ädel um den Hals und bedankte sich herzlich bei ihm. Der Alte wäre, wäre er ein Zweibeiner, wohl rot im Gesicht geworden. Aber da er ein Elch war, sah man das nicht und er gab Björn einen Rat.

„Sei behutsam mit dem, was Du da entdeckt hast und halte die Dinge in Ehren. Mit dem Geld kannst Du viel Gutes tun. Das Wissen um diesen Schatz ist in unserem Geschlecht schon lange von Generation zu Generation weitergegeben worden. Es stammt aus einer Zeit, als Zwei- und Vierbeiner noch friedlich nebeneinander lebten und respektvoll miteinander umgingen. Erst einem Menschen, der ebenso fühlt und handelt durften wir dieses Geheimnis anvertrauen. Du bist dieser Mensch und wir sind alle mächtig stolz, Dich als Freund zu haben.“

 

Genauso stolz und mit Tränen in den Augen nahm Björn seine drei Kästchen und lief nach Hause.


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