Julafton

Julafton, Weihnachtsbaum, Tanne

 

Die kleine Gruppe stapfte durch den hohen Schnee. Es knirschte unter den Sohlen bei jedem Schritt. Es war trockener Pulverschnee, vom Himmel gerieselt in den letzten zwei Tagen. Dicke Schneewolken hingen über dem Land. Ununterbrochen hatte es geschneit.

Vorneweg stakste ein großer, dahinter zwei kleine Zwerge. Dick eingemummt in warme Winterkleidung. Schneeanzug, warme dicke Stiefel, Schal, Fäustlinge und eine Zipfelmütze mit drei Bommeln an der Spitze. Die hingen bis auf den Rücken hinab. Sie sahen aus wie Wichtel. Die beiden Kleinen bemühten sich Schritt zu halten und erleichterten sich das Gehen dadurch, dass sie in die Fußstapfen des Vaters traten. Häufig kreuzten Spuren ihren beschwerlichen Weg. Die dazugehörigen Wildtiere bekamen sie jedoch nicht zu Gesicht.

 

Der Hochwald aus Tannen und Kiefern war dunkel. Schwere graue Wolken zogen am Himmel und hingen sehr tief. Sie drohten jeden Moment durch ihre eigene Last herunter zu fallen. Es hatte aufgehört zu schneien. Als der Wald lichter wurde, gab es ein Areal mit jungen Bäumen. Der letzte große Sturm hatte den Hochwald hier einfach umgepustet. Die alten ehrwürdigen Fichten, Tannen und Kiefern waren vor sechs Jahren umgeknickt wie Streichhölzer Dort hatten sich die kleineren heranwachsenden Nadelbäume und die Sträucher in eine weiße Schneedecke gehüllt, die vom Boden bis zur Spitze reichte. Wie aufeinander gestapelte Wattebäusche sahen sie aus, unten breiter, nach oben magerer werdend und man konnte kaum die Konturen erkennen. Alle sahen fast gleich aus, als Kegel in die Landschaft gestellt.

 

Die Drei aus dem Haus am Waldrand hatten eine Mission.

Am Morgen waren die beiden Kinder schon früh auf den Beinen. Sie wollten nichts verpassen oder zu spät sein. Das leckere Frühstück, das Mutter bereitet hatte, stand schon auf dem Tisch. Es roch verführerisch nach Äpfeln und Zimt. Ein großer Teller mit kleinen warmen Pfannkuchen stand mitten auf dem gedeckten Tisch, Apfelpfannkuchen mit Zucker und Zimt bestreut. Eine Schale war gefüllt mit Kanelbullar. Aus den Tassen stieg der Duft von heißem Kakao. Die Kinder saßen schon am Tisch und ließen sich die gebackenen Köstlichkeiten schmecken, als der Vater hereinkam.

„Lasst mir auch noch was übrig“, rief er lachend.

„Es ist genug da. Das reicht für alle“, erwiderte die Mutter.

„Wir haben nachher etwas ganz besonderes vor. Ein langer Marsch durch den Wald liegt vor uns. Dafür müssen wir gut gestärkt sein, also haut rein“, ermunterte Vater Ingmar die beiden Kleinen

.

Die Kinder wussten, worum es ging und damit sie auch entsprechend gestärkt waren für den heutigen Tag, verzehrten sie einen Pfannkuchen nach dem anderen. Nach einer Weile war der Teller bis auf ein paar Krümel leer, auf dem kurz vorher noch ein Berg Pfannkuchen auf hungrige Mäuler wartete. Die Kinder sprangen auf.

„Zieht euch warm an, es ist bitterkalt draußen“, mahnte Mutter Ingmarsson.

Lina und Bengt liefen in den Flur, um sich fertig zu machen. Sie waren Zwillinge, gerade sechs Jahre alt und hatten die gleiche Kleidung, die sich nur durch die verschiedenartigen Farben und Muster unterschied. Bengt hatte eine blaue, Lina eine gelbe Jacke. Zum Schluss waren die dicken warmen Stiefel an der Reihe.

„Papa, kannst Du uns bitte beim Schnüren der Stiefelbänder helfen“, rief Lina aus dem Flur in die Küche. Sie saß auf einer Fußbank. Papa Ingmar kam in den Flur und lächelte. „Ihr seid doch schon groß und schafft das bestimmt alleine“, antwortete er mit sanfter tiefer Stimme. Er war sehr stolz auf seine beiden „Zwerge“, wie er sie immer liebevoll nannte. Auch er begann nun, sich anzukleiden.

Als die Drei fertig zum Aufbruch waren, kam Mama aus der Küche und kontrollierte noch einmal die Kleiderordnung aller. Sie zupfte hier, zog dort, schloss den Reißverschluss der Schneeanzüge bis zum letzten Zacken und rückte die Mützen gerade, wie fürsorgliche Mütter das so zu tun pflegen.

„Hejdå und passt auf, dass Euch nicht die Trolle holen“, rief sie den Kindern mit einem Schmunzeln um den Mund nach, die bereits aus dem Haus verschwunden waren.

„Trolle?“ lachte Bengt laut. „Trolle gibt es doch nur im Märchen“, und stapfte voran, was bei dem vielen Schnee von Schritte zu Schritt schwieriger wurde. Bis über die Knie versanken sie im Pulverschnee.

Ingmar gab seiner Frau Katharina einen Kuss, verließ das Haus und holte die beiden Kleinen bald ein.

 

Eine Weile gingen sie so immer weiter in den Wald hinein, bis der Vater vor einem dieser weißen mit Schnee bedeckten Gebilde stehen blieb. Er rüttelte und schüttelte an dem kleinen Bäumchen, bis kaum noch etwas von dem Schnee übrig war, der vorher die Zweige und Nadeln bedeckt hatte.

„Ist der nicht schön?“ Er blickte sich um. Die Kinder kamen gerade an die Stelle, wo der Vater stand. Sie schauten und nickten begeistert.

„Der ist wirklich schön, der gefällt mir“, bemerkte Bengt.

 

Lina erschrak in diesem Moment. Ihr war, als ob sie etwas auf die Schulter getippt hatte. Sie schaute sich um. Nichts. Nur die kleine Tanne hinter ihr hatte keinen Schnee mehr auf ihrer Spitze. Das nahm Lina aber nicht wahr. Sie wandte sich wieder ihrem Vater und ihrem Bruder zu.

„Also, sollen wir diesen mitnehmen?“, fragte der Vater.

 

Im selben Moment spürte Lina durch ihre dicke Kleidung wieder diese Berührung an ihrer Schulter. Schnell drehte sie sich um und sah eine kleine Tanne. Diese zog gerade einen ihrer Zweige wieder zurück in Richtung Stamm.

„Warst Du das?“, flüsterte Lina leise und hielt ihre Hand an den Mund, damit die anderen zwei ihr Geflüster nicht mitbekamen.

Die Tanne neigte ihre Spitze und es sah aus, als nicke sie zustimmend. Genau genommen waren es zwei Spitzen.

„Nehmt mich mit“, sagte sie fast flehentlich. „Ich möchte auch einmal als schön geschmückter Weihnachtsbaum am julafton in der warmen Stube stehen. Ich wünsche mir das schon seitdem ich anfing zu wachsen.“

Das kleine Mädchen war verunsichert und verblüfft. Ein Baum, der reden kann. Das gibt es doch gar nicht, dachte Lina. „Wieso kannst Du sprechen?“ fragte sie in Richtung Bäumchen, wieder hinter vorgehaltener Hand. Obwohl sie sehr leise sprach, hatte Papa es mit angehört.

„Lina, mit wem redest Du denn da?“ wollte der Vater von ihr wissen.

„Ich…, ich…“, stotterte Lina verlegen, „ich hab mit dem Bäumchen hier geredet. Es hat gesagt, wir sollen es mitnehmen. Es wünscht sich so sehr, ein Weihnachtsbaum zu sein.“

 

Vater Ingmar und Bengt fingen an zu lachen.

„Schau, was für ein prächtiges Bäumchen wir hier haben. Das da“, er wies mit dem ausgestreckten Finger zu dem hinter Lina, „ist nicht gerade gewachsen und hat viel zu kurze Zweige. Nein, wir nehmen dieses hier. Außerdem sind bei dem dort die Spitzen krumm.“

Diese hatte die kleine Tanne aber vor lauter Kummer weit in Richtung Boden hängen gelassen. Sie war sehr traurig. Niemand wollte sie mitnehmen. Wieder ein Weihnachtsfest, ohne festlich geschmückt in einer Stube zu stehen, mit brennenden Kerzen auf den Zweigen. Bald würde sie zu groß sein dafür.

Die kleine Lina aber ließ nicht locker und bat den Vater, sich doch für das von ihr ausgesuchte Nadelbäumchen zu entscheiden.

„Nun Bengt, was meinst Du dazu? Sollen wir Deiner Schwester den Gefallen tun und das da mitnehmen?“ Er wies dabei mit dem Zeigefinger in Linas Richtung.

„Also gut, aber nächstes Jahr bin ich an der Reihe mit Aussuchen“, entgegnete dieser bestimmend nach kurzer Überlegung und schaute seinen Vater an.

Der ging auf Lina zu, nahm seine Säge vom Rücken, schüttelte dem Bäumchen, dessen Spitzen übrigens wieder gerade in die Höhe ragten, die restliche weiße Pracht von den Zweigen. Nachdem er den heruntergefallenen Schnee am Boden mit den Füßen fest gestampft hatte, setzte er die Säge kurz über dem Schnee an den Stamm. Ritze, ratze, ein paar Mal hin und her und das dünne Stämmchen war durch. Hellbraune Sägespäne, auf dem Schnee liegend, zeugten von der Tat. Ingmar hing sich das Werkzeug auf den Rücken und schulterte die „Beute“, den Stamm nahe der Schnittstelle in der rechten Hand.

„Erledigt, lasst uns nach Hause gehen. Mama wartet sicher schon.“

Er marschierte los, den gleichen Weg zurück, wie sie gekommen waren. Die Kinder liefen hinterher. Es ging leichter, denn durch den tiefen Schnee führte ja die bereits fest getretene Spur des Hinweges.

Lina freute sich und schaute zu dem kleinen Bäumchen. Es war, als neige dieses seine Spitzen, um sich bei ihrer Fürsprecherin zu bedanken. Lina lächelte. Sie konnte diese Geste deuten und war froh, dass die beiden Männer ihr den Wunsch erfüllt hatten. Weil sie aber als letzte durch den Schnee stiefelte, sah sie sich immer wieder um. Sie musste immer an die Begebenheit im Wald denken. Ein wenig fürchtete sie sich und begann leise ihr Lieblingsweihnachtslied abwechselnd zu pfeifen und zu singen.

 

Daheim angekommen, nahm Ingmar Ingmarsson das Bäumchen von der Schulter und stellte es erst einmal, an die Hauswand gelehnt, auf die Veranda. Mutter Katharina kam aus der Tür und betrachtete das grüne Etwas.

„Na, da habt Ihr aber einen außergewöhnlichen Tannenbaum mitgebracht.“ Sie schaute erst skeptisch zu der kleinen Tanne, dann ihren Mann fragend an. Der deutete mit dem leicht erhobenen Kopf in Linas Richtung.

Mutter verstand. „Ein ganz außergewöhnliches Bäumchen, was Du ausgesucht hast mein Schatz“, wiederholte sie an Lina gerichtet. Die freute sich über Mutters Anerkennung und fühlte sich bestätigt in ihrer Entscheidung, dem Wunsch der kleinen Nadelträgerin gefolgt zu sein.

Sie gingen ins Haus hinein, zogen die dicke Kleidung aus und wärmten sich an den lodernden Flammen des brennenden Feuers im offenen Kamin.

„Du siehst aus, wie Rudolph, das Rentier“, lachte Bengt und zeigte mit dem Finger auf Linas rote Nase.

„Selber“, erwiderte Lina kichernd. Gleichzeitig ging ihr gerade wieder durch den Kopf, was im Wald geschehen war. „Vielleicht gibt es ja doch Trolle und Feen“, flüsterte sie leise zu sich selbst.

Mutter Katharina bemerkte, das ihre Tochter irgendetwas beschäftigte.

„An was denkst Du, lilla Lina?“

Diese erzählte Mama von der Begebenheit im Wald.

„Oh, da hast Du aber großes Glück gehabt Ja, es ist wahr, min älskling. Es gibt sie wirklich, diese außergewöhnlichen kleinen Wesen. Komm mal her, wir setzen uns auf das Sofa und ich lese Dir etwas vor.“

Es war die Geschichte vom kleinen Troll Nisse, der mit seiner ganzen Tomtefamilie im Wald unter einem großen Felsen wohnte, und die stets freundlich zu den Menschen waren und ihnen geholfen haben, wenn sie in Schwierigkeiten waren oder in Not gerieten.

Gespannt und aufmerksam lauschte Lina den Worten ihrer Mutter. Sie schaute sich dazu die Bilder in dem Buch an, die zu der Geschichte gezeichnet waren. Auf einem der Bilder in dem Buch glaubte Lina „ihr“ kleines Bäumchen zu erkennen. Sie lächelte zufrieden.

Als die Erzählung zu Ende war, schloss Mutter Katharina das Buch.

„So Kinder, wollt ihr mit Papa jetzt das grüne in ein buntes Bäumchen verwandeln, das dann aussieht wie ein richtiger Weihnachtsbaum?“

„Oh ja! Papa komm, wir helfen Dir, lass uns anfangen.“

Vater Ingmar saß schon eine ganze Weile am Tisch, trank genüsslich einen heißen wärmenden Glögg, der nach der Zeit in der Kälte draußen wohltuend einheizte. Die Kinder rannten augenblicklich zu ihm hin und zerrten ihn an den Armen.

„Hej ihr zwei, reißt mir nicht die Arme aus“, scherzte Papa mit einem breiten Grinsen in seinem Gesicht. Er kapitulierte, stand auf und nahm Lina auf den Arm. Die beiden Quälgeister hätten nun sowieso keine Ruhe mehr gegeben.

„Also, machen wir aus dem schlichten grünen Tannenbäumchen einen festlichen bunten Weihnachtsbaum. Ich hole es in die Stube“, murmelte er noch und verschwand mit seinem kleinen „Zwerg“ auf dem Arm im Flur. Bengt rannte ihnen nach.

Es dauerte nicht lange, da kamen alle drei wieder herein, in Reih und Glied, Vater voran mit dem Stamm in der Hand, dahinter Bengt und zum Schluss Lina, die beiden Spitzen des Bäumchens hochhaltend. Auf dem Fußboden wartete der Christbaumständer. Ingmar stielte das dicke Ende mit der Schnittstelle in den Halter ein und drehte die drei Schrauben am oberen Ende des Rohres fest bis an das Holz. Danach betrachtete er alles aus einiger Entfernung, schien aber noch nicht ganz zufrieden mit seinem Werk, löste zwei der Schrauben, drückte den Baum ein wenig in die andere Richtung und zog sie wieder fest. Dieselbe Prozedur wiederholte er noch zweimal. Nun stand er halbwegs gerade, was ob des leicht bogenartigen Wuchses gar nicht so einfach hinzubekommen war.

 

Mutter hatte bereits die Kartons mit dem Baumschmuck auf den Tisch gestellt und ermunterte die Kinder: „Nun seid Ihr dran. Jetzt könnt Ihr dem Bäumchen sein festliches Kleid geben.“

Die ließen sich nicht zweimal bitten und begannen gleich, das schlichte Grün mit bunten Sachen zu behängen. Kleine Holzanhänger, Pferdchen, Elche, Rentiere, Vögelchen, Tomtar, dazu kurze bunte Zuckerstangen, die an einem Ende wie ein Spazierstock gebogen waren und Holzkugeln bekamen nach und nach ihre Plätze an den Zweigen. Es fehlten nur noch zwei Sachen. Papa nahm aus einer Tüte die Kerzenhalter und befestigte sie mit den Klemmen auf den einzelnen Zweigen. Anschließend steckte er die roten Kerzen in die Halter. Rund herum hatte der Baum nun seine Lichter bekommen. Eigentlich war nur eine Spitze für den Baum vorhanden. Also musste improvisiert werden. Jede der beiden Baumspitzen behängte Ingmar mit einen großen Stern aus Stroh an deren unteren Enden kleine Glöckchen hingen, die bei jeder Berührung hell klangen.

Fertig geschmückt und mit Allem daran drapiert, was die Kinder und die Eltern sich so für ein weihnachtliches Bäumchen vorstellten. Die kleinen Macken, zu kurze Zweige an der ein oder anderen Stelle, zwei Spitzen, wurden so kunstvoll verborgen und schienen aber sowieso nicht so wichtig zu sein.

 

Das kleine Bäumchen war unendlich stolz, endlich zum Fest so herausgeputzt in einer warmen Stube zu stehen. Aus ihm war ein richtiger Weihnachtsbaum geworden. Es freute sich, dass alle zu ihm herüberschauten, es aus allen Winkeln kritisch betrachteten und mit dem Resultat ihres Schaffens erkennbar zufrieden waren.

 

Es war erst mitten am Nachmittag. Draußen wurde es aber schon dunkel. Die dicken tiefgrauen Wolken hatten das wenige Licht des Tages bereits verschluckt. Die lange dunkle nordische Nacht war angebrochen. Kein Himmelsgestirn erhellte die heilige Nacht und der Stern von Bethlehem wäre von hier aus wohl auch nicht zu sehen gewesen.

 

 

Was wohl noch so alles passiert am juldagen?

 


Juldagen

Juldagen, Troll, Weihnachten

 

Mutter hatte, während die Drei ihrer Beschäftigung im Wohnzimmer nachgingen, das Abendessen zubereitet und den Tisch festlich gedeckt. Sie zündete alle vier Kerzen auf dem Adventskranz an und rief dann die ganze Bande zu Tisch.

Nach dem Essen wurde noch ein bisschen erzählt, gespielt, gelesen und Weihnachtslieder gesungen.

Papa drängte die Kinder, nun langsam ins Bett zu gehen.

„Morgen früh stehen wir dann alle zeitig auf und schauen, ob Eure Wunschzettel auch beim jultomte angekommen sind. Also, Abflug ins Bett jetzt“, bemühte er sich mit ernster Stimme zu sagen.

Die Kinder quengelten. Das ist wohl auf der ganzen Welt nicht anders, wenn Kinder ins Bett sollen. Bengt dachte aber darüber nach, dass sich Widerstand wohl negativ auf die Anzahl der erreichbaren Geschenke vom Wunschzettel auswirken würde und ging als erster ins Badezimmer, um sich für die Nacht fertig zu machen. Lina folgte ihm. Kurz darauf lagen sie beide in ihren Betten. Die Eltern kamen, ihnen gute Nacht zu sagen. Da sich die zwei ein großes Zimmer teilten, mutmaßten sie noch eine ganze Weile darüber, was am Morgen wohl an Geschenken unter dem Weihnachtsbaum liegen könnte.

Es dauerte aber nicht allzu lange, ehe sie von den Ereignissen des Tages ermüdet, einschliefen. In der Nacht träumten Sie vom jultomte, dem Weihnachtsbaum, den Spielsachen auf dem Wunschzettel und von Vielem mehr. Manchmal, wenn sie kurz wach wurden, war den Kindern so, als ob Sie Geräusche hörten.

„Das ist sicher der Weihnachtsmann. Ich habe was auf dem Dach gehört“, flüsterte Lina leise. Ebenso gedämpft antwortete Bengt: „Sollen wir mal nachschauen gehen?“ Da er aber von seiner Schwester keine Antwort mehr bekam, weil die schon wieder eingeschlafen war, drehte er sich auf die andere Seite und schlief nach kurzer Zeit auch wieder.

 

Am Morgen gab es dann kein Halten mehr. Zeitig waren sie aus den Betten gesprungen, in ihre warmen, bunten Filzpantoffel geschlüpft und noch in Schlafanzügen aus dem Zimmer gestürmt. Die Wohnzimmertür war verschlossen. Aber es drangen Geräusche aus dem Raum in den Flur. Die beiden sahen sich an und eilten weiter in die Küche. Hier war bereits der Ofen angezündet und es war angenehm warm. Die Nadel des Thermometers draußen am Küchenfenster stand im blauen Bereich und zeigte minus zehn Grad.

 

„Guten Morgen Lina, guten Morgen Bengt och God Jul. Ihr seid sicher schon aufgeregt und neugierig, was denn da im Wohnzimmer so unter dem Weihnachtsbaum liegt“, begrüßte die Mutter ihre beiden Lieblinge.

Die hatten es sich in der Zwischenzeit auf de Bank am Tisch gemütlich gemacht und hielten Mama ihre Becher für den Kakao entgegen. Die Frage ihrer Mutter bejahten beide nur mit einem heftigen Kopfnicken.

„Papa kommt auch gleich. Er hat in der Stube noch den Kamin angemacht, damit wir dort keine kalten Füße bekommen. Wenn wir dann alle gefrühstückt haben, gehen wir rüber und schauen nach, was der jultomte so hier gelassen hat bei seinem nächtlichen Besuch.“

Papa kam herein und wünschte seinen beiden „Zwergen“ auch fröhliche Weihnachten. Die Eltern setzten sich und alle hielten sich in der Runde an den Händen. „God Jul“, klang es im Chor aus vier Kehlen. Dann ließen sich alle die vielen Leckereien schmecken, die Mutter schon seit Tagen vorbereitet hatte für das Fest. Sie bemerkte, dass sich die beiden Kleinen immer wieder anschauten und zunehmend unruhig auf der Bank hin und her rutschten.

Sie schaute ihren Mann an „Sollen wir?“. Der bestätigte mit einem Kopfnicken ihre Frage und gab sie an die Kinder weiter, „also, wollen wir hinüber gehen.“ Er hatte diesen Satz noch nicht ganz beendet, da sprangen die beiden schon hoch, jeder von ihnen flitze um eine Seite des Tisches herum und sie waren flugs im Flur verschwunden. Da aber die Stubentür immer noch verschlossen war, hat ihnen die Eile nichts genutzt. Sie mussten auf Papa und Mama warten, die gerade aus der Küche kamen. Papa schloss die Tür auf und die Kinder drängten in den Raum.

„Ihr wisst ja, was jetzt erst kommt!“ mahnte Ingmar seine Bande. Sie begriffen und warteten auf die Eltern vor dem Tannenbäumchen. Ingmar zündete die Kerzen an und alle hatten den Eindruck, als strahle es mit den brennenden Kerzen noch heller als gestern,.

Nun wurde zusammen ein Weihnachtslied gesungen und erst danach schauten sich die Kinder die unter dem Baum liegenden Päckchen genauer an. An jedem hing ein Kärtchen mit dem Namen desjenigen, der es auspacken durfte. Aus dem Radio erklang die Weihnachtsgeschichte, untermalt von sanfter weihnachtlicher Musik.

Katharina und Ingmar schauten den Kindern beim Finden des richtigen Geschenkes und beim Auspacken zu. Beide standen nebeneinander. Er hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt und drückte sie an sich, sie erwiderte diese Geste, indem sie mit ihrem Arm seine Hüfte umfasste und seinen Körper an sich zog. Beiden liefen Tränen über die Wangen. Das hatte wohl zwei Gründe. Einmal waren es wohl die fröhlichen Gesichter der Kinder mit den strahlenden Augen, zum anderen aber dachten beide wohl daran, dass sie wohl das nächste Weihnachtsfest nicht mehr zu Viert feiern würden. Kurz zuvor hatten sie erst Gewissheit bekommen. Katharina war in der Stadt in einem Gesundheitszentrum zur Untersuchung, nachdem sie sich schon eine Woche nicht wohl fühlte.

Erst die Krankenschwester, danach der Arzt machten einigen Untersuchungen. Erst die zum Schluss durchgeführte Ultraschalluntersuchung lieferte ein eindeutiges Ergebnis. Etwas wuchs in ihrem Körper. Nein nicht etwas! Ein kleiner Mensch war im Werden. Katharina war schwanger und würde im Spätsommer des nächsten Jahres, wenn alles gut ginge, ihr drittes Kind zur Welt bringen.

Katharina schaute zu dem auf dem Fußboden stehenden aus Holz, Baumrinde und Stroh gebauten Stall zu Bethlehem und betrachtete das Kind, das dort in der Krippe lag. Ihr wurde ganz warm ums Herz.

Die beiden Erwachsenen setzten sich zu den Kindern. Lina und Bengt wussten noch nichts davon, sollten es aber an Weihnachten erfahren. Die waren immer noch mit den Dingen beschäftigt, die sie zuvor ausgepackt hatten.

„Wir müssen Euch etwas sagen“, begann Mama das Gespräch. „Was würdet ihr dazu sagen, im nächsten Jahr ein Geschwisterchen zu bekommen? Mama ist schwanger und bekommt ein Baby.“ Erst jetzt schauten beide hoch und die Mutter an. „Das ist ja toll, es ist Weihnachten und ich bekomme einen Bruder“, rief Bengt sprang auf und hüpfte durch das Zimmer. Alle lachten, nur Lina machte einen etwas bekümmerten Eindruck.

„Was ist los, mitt hjärta? Freust Du Dich denn gar nicht?“

„Doch Mama, aber ich würde mir so sehr ein Schwesterchen wünschen.“

„Also, nun mal langsam ihr Zwei, es steht ja noch gar nicht fest, was es wird, vielleicht ja wieder ein Pärchen“.

Nach diesem Satz schaute Ingmar seine Frau fragend und etwas merkwürdig an.

„Noch zwei solche Zwerge?“

 

Sie waren alle so vertieft in ihr Gespräch, dass sie nicht mitbekamen, was sich um sie herum getan hatte. Bengt sah es als erster, als er zum Weihnachtsbaum schaute und fragte mit ungläubigem Blick: „Seht ihr auch was ich sehe? Schaut mal, was ist das denn da unter dem Weihnachtsbaum!“

Alle wendeten ihre Blicke zum Boden in die Richtung, in der der Christbaum stand. Was sie dort sahen, konnten sie kaum glauben und erst recht nicht verstehen. Katharina und Ingmar sahen sich an, schauten sich dann in der Stube um, konnten aber nichts Ungewöhnliches bemerken. Jeder von ihnen gab dem anderen durch Gestik und Mimik zu verstehen, dass er damit nichts zu tun hatte.

 

Auf dem Fußboden unter dem Tannenbäumchen lagen noch weitere Gegenstände. Kleine Päckchen, die aus einem Oberteil und einem Unterteil bestanden. Der Deckel und der Boden dieser Bündel bestanden aus Birken- und Kiefernrinde. Mit schmalen, dünnen, silberweißen Streifen aus dem Äußeren der Birkenrinde waren sie verschnürt. Daneben lagen halbrunde, aus Moos bestehende Ballen, die mit langen Gräsern kunstvoll zusammengehalten wurden. Niemand wagte, diese Teile zu berühren oder gar aufzuheben und zu öffnen. Im selben Moment läuteten die kleinen Glöckchen an den Spitzen des kleinen Weihnachtsbäumchens und die brennenden Kerzen schienen heller als zuvor.

Die Kinder waren zu ihren Eltern auf das Sofa gekrabbelt und schmiegten sich ängstlich, einer rechts, einer links, an Papa und Mama.

 

Nach einer ganzen Weile ergriff dann Ingmar die Initiative und stand auf. „Wollen doch mal nachsehen, wer uns auf so wundersame Weise etwas hierher gelegt hat. Wollt ihr mir helfen?“ fragte er die beiden Kleinen. Zögernd ließen die Mutters Arme los, an die sie sich, nachdem Papa aufgestanden war, beide geklammert hatten los und gingen ein wenig unschlüssig zum Weihnachtsbaum.

Ingmar nahm eines der Bündel und reichte es Bengt, danach einen Ballen aus Moos, den er Lina anbot. Die Kinder nahmen vorsichtig die unbekannten Teile und setzten sich wieder auf das Sofa.

„Macht schon auf, wir sind auch ganz neugierig, wollen wissen, was da drin ist“, ermunterten die Eltern ihre Kinder. Die taten wie ihnen gesagt wurde. Behutsam und sachte lösten sie die Verschnürung, öffneten die Umhüllung und staunten nicht schlecht über das, was sie da zu sehen bekamen. Jeder erhielt noch zwei weitere Präsente. Und, diese Geschenke standen zwar auf dem Wunschzettel, waren aber bei der ersten Bescherung noch nicht dort.

Als sie alles ausgepackt hatten, rief Lina plötzlich aufgeregt: „Habt ihr das auch gesehen? Da zwischen den Zweigen. Da hat sich was bewegt! Da hat sich was bewegt! Ich habe es genau beobachtet. Da war was.“

Alle schauten zum Baum, doch keinem der anderen war etwas Ungewöhnliches aufgefallen. Sie bekamen auch nicht mit, dass sich ein Zweig immer ein bisschen bewegte.

Lina schaute ihre Mutter an und fragte sie etwas unsicher: „Du hast es doch auch gesehen Mama, oder?“

 

„Aber ja mein Schatz. Es ist so wie Du es gesagt und beobachtet hast. Nur die Menschenkinder, die an Trolle und Wichtel glauben, können sie sehen, denen zeigen sie sich auch.“

 

Lina war von diesem Tage an sehr stolz, so ein Mensch zu sein. Sie glaubte nämlich an diese kleinen Wesen.

 

„Und manchem Erwachsenen stünde es gut an, wenn er sich ein wenig von dieser Art Kindlichkeit bewahren würde, um sich jeden Tag aufs Neue an den kleinen Dingen der Wirklichkeit, aber auch der Phantasiewelt zu erfreuen. Bewahrt Euch diese Gabe“, gab Mama Katharina ergänzend ihren Kindern zum Schluss mit auf den Weg.


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