... ich habe Dich nicht gesucht, Du hast mich gefunden

Das Kennenlernen

Katze, Garten, Geschichten,
Mein Lieblingsplatz

Die Heide blühte und es war ein wunderschöner Spätsommertag.

 

Am späten Nachmittag dieses Tages Ende August 1998 da tratest du in mein Leben, leise! Plötzlich und ohne Vorwarnung standest du vor mir und ich war in dem Augenblick wie vom Blitz getroffen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Die Haare zerzaust, die Nägel lang, traurige Augen, kurzum ein Anblick, der bei mir Mitleid auslöste, aber auch Zuneigung. Du hast mein Herz berührt und ich wusste, von diesem Augenblick gehörst du zu mir. Wir gehören zusammen. Mit deinen grünen traurigen Augen schautest du mich an, als wenn du sagen wolltest, du musst dich ab jetzt um mich kümmern und für mich sorgen. Ich hatte in diesem Moment denselben Gedanken.

 

Ich fragte dich: „Wer bist Du, wo kommst Du her und was möchtest Du von mir?“ Ich bekam keine Antwort. Nur wieder diesen Blick aus den grünen, traurigen Augen. Dieser Blick ging mir sehr zu Herzen. Ich schaute dich lange an. Nach einiger Zeit wollte ich dich anfassen, in den Arm nehmen, um dir zu zeigen, was ich für dich empfinde. Du wichest gleich einen Schritt zurück und machtest mir durch diese Distanz klar, dass du das nicht mochtest und es dafür noch viel zu früh sei. Also respektierte ich deinen Wunsch und hielt mich zurück. Das fiel mir bei dem Anblick, den du botest ziemlich schwer.

 

Ich unterdrückte meine Gefühle für dich und fragte dich: „Hast Du Hunger?“ Wieder keine Antwort auf meine Frage. Also nahm ich einen Teller und füllte Spagetti und Soße (hatte ich als Mittagessen) darauf und bot sie dir an. Du konntest wohl nicht widerstehen, ich denke aber auch, dass du bereit gewesen wärst, alles, was ich dir angeboten hätte, zu essen. Du musstest großen Hunger gehabt haben. Ich habe mich gefreut, dass es dir schmeckte. In kurzer Zeit hattest du den Teller leer. Und als wenn du sagen wolltest, kann ich noch ein bisschen haben, hast du auch noch die restliche Soße vom Teller geleckt. Ich habe dann noch mal nachgefüllt. Auch die zweite Portion war in Null-Komma-Nichts weggefuttert.

„Wann hast Du das letzte Mal was zu Essen bekommen“, fragte ich mich und schaute dir beim "Futtern" zu. Es war eine Freude für mich zu sehen, wie es dir schmeckte und mit welchem Genuss du dir nach der Mahlzeit die „Schnute“ abgewischt hast.

 

Wir waren auf der Terrasse und ich hatte mich in einen Gartenstuhl gesetzt.

Wieder und wieder schaute ich dich an. Ich bemerkte, dass du Probleme mit dem Stehen hattest. Du musstest verletzt sein. Ich fragte dich, ob wir zum Arzt gehen sollten. Da ich auch auf diese Frage keine Antwort bekam, rief ich in der Praxis an. Ich wollte wissen, ob wir heute noch mit der Frau Doc sprechen könnten und sie sich deine Beschwerden einmal anschauen und beurteilen könne. Die nette junge Frau von der Rezeption am anderen Ende der Leitung sagte: „Einen Augenblick bitte, ich frage mal kurz nach. Es ist nämlich ziemlich voll heute Nachmittag.“ Nach einigen Sekunden antwortete sie mir: "Kommen Sie vorbei, Sie müssen aber mit Wartezeit rechnen.“

 

Also egal, auch mit Wartezeit, dich unter Schwierigkeiten und mit einigen Tricks ins Auto und los.

 

Als wir beim Doc ankamen war das Wartezimmer voll. Die nette junge Frau an der Rezeption sagte mir, dass es wohl noch länger dauern könne, als vorhin bei unserem Telefonat angenommen. Sie bot mir an, dass du dort warten solltest und ich nach Hause fahren könne. Sie würde mich anrufen, wenn alle Untersuchungen erledigt wären und ich dich wieder abholen könne. Gesagt getan, ich ein wenig beunruhigt über deinen Zustand, dich aber in guten Händen wissend, in mein Auto und ab nach Hause. Dort hatte ich aber keine ruhige Minute. Ich musste immerzu daran denken, dich dort allein gelassen zu haben. Drei lange Stunden später, etwa halb Acht Uhr abends, klingelte das Telefon. „Hier Praxis Dr. B., wir haben alle Untersuchungen durchgeführt, Sie können jetzt kommen und sie abholen“, sagte die nette junge Frau von der Rezeption zu mir. Da ich schon sehnlich auf diesen Anruf gewartet hatte, stand ich wenige Minuten danach an der Rezeption der Praxis.

Dann sah ich dich. Du sahst sehr gestresst aus, hattest einen verstörten Blick und warst wohl von der ganzen Prozedur ziemlich müde. Ich freute mich darauf, dich in den Arm nehmen und trösten zu können.
Ich fragte die Ärztin, was denn mit dir gewesen sei. „Ich musste einige Untersuchungen machen und auch eine Impfung war notwendig“, antwortete sie und fragte, „haben Sie einen Impfpass?“

„Einen Impfpass?“ Ich sah sie bei dieser Frage wohl ungläubig an.
„Ja, einen Impfpass, in den ich die durchgeführte Impfung eintragen kann“, erwiderte sie.
Noch immer fragend stotterte ich: „Impfpass, ne, ich glaub nicht, für SIE habe ich keinen Impfpass“. Sie lachte und ich verstand nicht warum, sollte es aber umgehend erfahren.

„Ihre SIE ist ein ER, aber das was den ER ausmacht, habe ich auch gleich mit weggeschnippelt. Wie soll ER denn heißen? Ich mache dann einen neuen Impfpass für IHN fertig".
Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben nicht so dumm aus der Wäsche geschaut. Das habe ich an den Reaktionen auf meinen Gesichtsausdruck feststellen müssen. „Und?“ fragte sie, „was soll denn nun für ein Name im Impfpass stehen, haben Sie sich darüber schon Gedanken gemacht?“ Schon wieder dieser fragende Blick von mir in ihre Richtung.

„Ok, schreiben Sie „Katerchen“ rein“. Was Besseres gab meine blockierte Festplatte im Moment nicht her.

 

Ich fragte nach der Rechnung und bekam fast einen Herzanfall. Die Ärztin murmelte etwas von 535,00 DM. Ich fragte nach, ob ich das richtig verstanden hätte. Es blieb bei dem Betrag.
So kam mein damals zukünftiges neues Familienmitglied zu seinem Namen. Eigentlich war es ja kein richtiger Name, sondern nur eine Notlösung. Da diese Notlösung nun aber schon mal im amtlichen Dokument Impfpass stand, bin ich auch dabei geblieben. Du hattest mich ganz schön viel Geld gekostet, was mir aber völlig Banane war.

Fast 10 Jahre hast du mir Freude gemacht, dich mit deinem Miauen und Mauzen in allen Klangfarben auch über das "Hohe C" hinaus gemeldet, wenn du mir etwas sagen wolltest, wenn dir etwas fehlte, wenn du etwas nicht mochtest, wenn du mich begrüßtest, wenn du…

 

Und so wurden wir ein eingespieltes Dreamteam.

 

Anfänge eines Miteinanders

Katerchen, Sommer, neues Zuhause, Erfahrzúngen miteinander
Na, wo ist die Spatzenbande?

Nachdem ich mich damit abgefunden hatte, dass „Sie“ ein „Er“ war und ich ihm den aussagekräftigen Namen Katerchen gegeben hatte, versuchten wir, uns aneinander zu gewöhnen. Das war gar nicht so einfach. Ich verstand ihn ja nicht, hatte noch nie eine Katze gehabt und wusste nichts oder sehr wenig vom Wesen dieser „Leisetreter“.
Also habe ich alle Möglichkeiten ausgeschöpft, die sich einem Informationen suchenden Unwissenden boten, als erstes das Internet. Nun gab es Ende der Neunziger des letzten Jahrhunderts sicher nicht soviel dort zu finden, wie man es heute gewohnt ist, wenn man die Kiste anschmeißt. Googeln war noch nicht erfunden oder hieß zumindest nicht so. Es gab ja zum Glück auch noch andere Wege, Kenntnisse um die Katzenartigen zu erweitern. Fachbücher zum Beispiel. Das dauerte mir aber zu lange und war viel zu trocken, selbst wenn man ein Glas Wein oder ein Bier dazu trank. Zeitschriften, ja das war eine gute Idee. Mit Tierliebe, Knopfaugen bei süßen Tierbabys und guten Ratschlägen von Experten, die es bei jedem einschlägigen Verlag gab, war schon immer und ist noch heute Auflage und ne Menge Kohle zu machen.
Auf jeden Fall war das leicht zu lesen und zu begreifen. Wenn ich ein wenig filternd an die ganze Sache heranging, konnte ich ja was über die Samtpfoten lernen, dachte ich mir. Na ja, da war dann die Methode „Lbd“ die auf Dauer erfolgreichere. Learning by doing, mit dieser Vorgehensweise hatte ich in meinen Leben schon Vieles kennen gelernt und erreicht. Warum also nicht hier.?

In den nächsten Wochen verschlang ich alles, was auch nur andeutungsweise danach aussah, mich meinem Vorhaben ein Experte auf dem neuen Wissensgebiet zu werden weiter zu bringen. Und das war ne Menge. Und was da von der ein oder anderen selbsternannten Koryphäe über die Familie der Feloidea so geschrieben stand, war schon haarsträubend und selbst mir als Laie zu dumm.
Mit Hilfe dieser tonnenweise eingeflössten Infos klappte es aber erstaunlich schnell, eine zwischenmenschliche, ähem, zwischen-Mensch-und-Tier-Beziehung zu dir aufzubauen. Vertraut hast du mir, das habe ich an deinen Reaktionen immer bemerkt. Du hast wohl gespürt, dass ich nichts Böses im Schilde führte.
Es musste aber nicht nur die Theorie gelernt werden, auch ganz praktische Dinge warteten auf Lösungen. Wir waren mittlerweile innerhalb des Dorfes umgezogen. Und es kam uns entgegen, dass es bald Frühling wurde.
Im neuen Garten habe ich den Zaun und die Pforte höher gebaut, sonstige Lücken zur großen weiten Welt mit der angrenzenden viel befahrenen Landstraße geschlossen. Fort Knox war nix gegen den ausbruchsicheren Garten, wie sich im Laufe der Zeit zeigte.
An den ersten sonnigen Tagen ließ ich dann die Terrassentür offen und vorsichtig, Pfote für Pfote, erkundetest du dein Revier. Nicht ganz einhundert Quadratmeter Terrasse, Rasen und schmale Blumenbeete waren nun dein neues Reich. Ich saß im Sessel und schaute dir gespannt zu. Ob es dir wohl gefallen würde, ging mir durch den Kopf. Nach der großen Freiheit, die du vor dem Leben in menschlichen Gewahrsam erlebt hast, war das ja nun nicht selbstverständlich. Aber du nahmst die Umgebung an und fühltest dich sichtlich wohl. Überall konnte man sich für ein kleines Päuschen hinlegen oder Schmetterlinge jagen oder sich ducken und die Piepmätze anpeilen, die es doch tatsächlich wagten, aus deinem Sandsteintrog zu trinken, der in der Ecke des Gartens stand. Die Spatzenbande hatte nur Glück, dass du wohl nicht das große Interesse daran hattest, sie in die Schranken zu weisen. Alles war dein und du hast es in Besitz genommen. Wenn ich mich in den Gartenstuhl setzen wollte, warst du schon da. Wenn ich es mir auf der Liege bequem machen wollte, lagst du schon darauf. Und jedes Mal, wenn ich vor dir stand, hast du mich mit deinen großen grünen Augen angeschaut. Du willst mich doch wohl jetzt hier nicht wegjagen? Das sollten deine Blicke wohl bedeuten. Wenn ich dann mal schneller war und das Glück hatte, der Erste an der Liege zu sein, bist du seitlich hoch gesprungen und hast dich vor meinem Bauch eingerollt und wir haben gemeinsam Siesta gemacht. Das hat auch zu zweit gut geklappt.
Wenn es dir zu warm wurde, bist du hineingegangen und hast dich auf die Bank vor dem Terrassenfenster gelegt. Von dort aus hattest du einen Rundumblick in den Garten und die Sonne brannte dir nicht so auf den dicken Pelz. Du hast es genossen. Rein, raus und wieder rein und über alles wacht der Alte.

Dann, eines Tages, war es wieder so weit, Zeit für den Tierarzt. Das war der blanke Horror mit dir. In die Tragebox bist du für alle Mäuse dieser Welt nicht freiwillig gegangen. Da musste eine List her und du bist jedes Mal darauf hereingefallen. Im Büro lag dein Kratzbaum, ein etwa ein Meter langes Holzstück von einer Kiefer. Und was Du noch mehr liebtest, als die auf und neben diesem Baumstupf gestreute getrocknete Katzenminze waren Baldriantropfen. Du hast daran geschnuppert, hast sie abgeleckt und sie in dein Fell gerieben. Und mit eben diesen Baldriantropfen habe ich dich immer überlistet, wenn du in die Transportkiste musstest. In die hinterste Ecke der Box habe ich einige Tropfen von der Flüssigkeit, der Katzen wohl kaum widerstehen können, auf deine Decke geträufelt. Vorsichtig bist du mit den Vorderpfoten und einem ganz langen Hals hineingegangen. Als du auch die Hinterbeine fast drin hattest, habe ich das Gitter hinter dir geschlossen. Das hat dir gar nicht gepasst. Jaulen und Heulen in den unmöglichsten, herzzerreißenden und auch versucht drohenden Tönen war die Folge bis zum Tierarzt. Dort stand eine Röntgenuntersuchung der Lunge an. Der Grund dafür waren eine manchmal schwere Atmung und ein Hecheln, obwohl es nicht warm war.
Was ich dann aber auf den fertigen Bildern sehen konnte, hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Die Ärztin wies mich auf einen kleinen hellen Fleck nahe deiner Rückenwirbelsäule hin. Es musste sich um ein Luftgewehrprojektil handeln, so wie es aussah und es steckte mit Sicherheit schon einige Jahre in deinem Körper. Irgendjemand hat wohl in der Zeit vor unserem Zusammenleben, als du noch die Freiheit genossen hast, mit dem Luftgewehr auf dich geschossen. Gott sei Dank hat dir dieses Teilchen dein Leben lang keine großen Probleme bereitet. Es war halt da und du hast damit gelebt.
Und als wir wieder zu Hause waren, hast du mir auch den kleinen Trick mit den Baldriantropfen wieder verziehen. Deine Lunge allerdings hatte auch durch das Leben draußen bei Wind und Wetter gelitten und bereitete manchmal dem Herzen Probleme genügend Sauerstoff zu bekommen. Beruhigt haben mich die Worte von Frau Doc „Damit lebt er noch ein paar Jahre“.

„Schön“, dachte ich, „das ist schön und beruhigend“.

Und so war es uns vergönnt noch einige Jahre miteinander verbringen zu können. Und du hast mir Freude gemacht, dich mit deinem Miauen und Mauzen in allen Klangfarben auch über das "Hohe C" hinaus gemeldet, wenn du mir etwas sagen wolltest, wenn dir etwas fehlte, wenn du etwas nicht mochtest, wenn du mich begrüßtest, wenn du …

Kommentar schreiben

Kommentare: 0