Er hieß eigentlich Alfons

Schwul, homosexuell, Geschichten, Petula Clark
Petula Clark

Wir wohnten seit einigen Jahren in der großen Stadt. Ich war gerade 16 Jahre alt und ging noch zur Schule. Es war Mitte der 60 er Jahre und angesagt waren die Beatles, die Stones, The Who, Manfred Mann, und, und, und…

 

Unsere Clique konnte sich natürlich für alles begeistern, was damit zu tun hatte.

Nun ist es ja allgemein so, dass man, wenn man keine reichen Eltern hat, als Schüler nicht unbedingt über das nötige Kleingeld verfügt, sich Schallplatten, ja damals gab’s noch richtige Vinylscheiben, Eintrittskarten für die Konzerte oder andere Dinge leisten kann.

Also, lange Rede kurzer Sinn, eine Nebenbeschäftigung musste her.

Meine Eltern haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Nach unendlich langer Diskussion (hat ungefähr eine halbe Stunde gedauert) und mehrerer eidesstattlicher Versicherungen meinerseits, dass die Schule nicht darunter leiden würde, hatte ich sie rumgekriegt. Auch musste ich unterschreiben, dass ich das verdiente Geld nicht sinnlos verplempern würde.

So, das war Step one. Next Step, suchen und finden einen Job!!

Glücklicher Zufall, es gab ein Café, wo wir uns nach und manchmal auch während der Schulzeit trafen. Aber psssst, nicht weitersagen, darf die Schule ja nichts von wissen.

 

Es lag in der Nähe des Bahnhofs, das Café Monjou, im ersten Stock eines Geschäftshauses in der Fußgängerzone, die damals noch keine Fußgängerzone war.

Dort wurden Aushilfen für Bedienung und Theke gesucht. Da ich gewisse Vorkenntnisse hatte, war klar, ich hatte den Job am Tresen. Ich kannte natürlich auch die Besitzerin gut.

Ich bei der Arbeit, eines Tages taucht ein wahnsinnig gut aussehender Kerl am Tresen auf. Mensch Junge, dachte ich bei mir, der könnte Dir noch Konkurrenz bei den Mädels machen.

Er bestellte ein Bier und einen Cognac, einen französischen, den mit R am Anfang, mit 'nem Y am Ende und EM in der Mitte. Wir kamen ins Gespräch und unterhielten uns lange angeregt. Er sagte: „Ich heiße Alf!“ Aha, dachte ich, das ist ja interessant.

Als er ausgetrunken hatte, bezahlte er mit einem großzügigen Trinkgeld und sagte: „Komm mich doch mal besuchen! Ich habe eine Gaststätte hier in der Stadt in der Nähe des Stahlwerkes.“

Er gab mir die Anschrift und ich willigte ein, bei nächster Gelegenheit dort reinzuschauen.

 

Als sich diese Gelegenheit ergab, öffnete ich die Tür der Kneipe und betrat den Raum. Es lief leise Musik, Petula Clark sang Down Town. Einige Paare tanzten dazu. Aber hier war etwas, was anders als in anderen Kneipen war. Aha Holzauge sei wachsam dachte ich. Die Paare waren bestanden nämlich nur aus Männern. Ich war in einem Lokal für Homosexuelle. Nun müsst Ihr Euch vorstellen, es war Mitte der 60 er. Noch Fragen??

Ich spürte die Blicke einiger Anwesenden bis an Körperteile, die ich hier nun nicht beschreiben möchte und kam mir auch ziemlich unbekleidet vor. Ich trug weil es draußen Sommer, sehr heiß und außerdem Mode war, sehr enge Kleidung. Ein Poloshirt und eine wahnsinnig enge Hose waren alles. Ach ja, Schuhe natürlich auch.

Ehe ich wieder klar denken konnte tippte mir jemand auf die Schulter. Es war Alf. Er lächelte, wohl weil er meine sämtlichen Reaktionen mitbekommen haben musste, seit ich die Eingangstür hinter mir geschlossen hatte. Er bat mich mit an den Tresen. Dort sagte er mir: „Ich bin schwul.“ Und ich glaube ich antwortete: „und ich habe Durst!“ Wir lachten beide, er bot mir etwas zu trinken an und wir kamen ins Reden. Da nun Samstag war, hatte ich Zeit. Bis tief in die Nacht haben wir uns unterhalten, über Gott und die Welt. Er hat mir seine Sicht der Dinge über Homosexualität erklärt und ich habe viel gelernt. Damals hieß das noch Verständnis, heute würde man von Toleranz reden. Ich habe mich wohl gefühlt in seiner Gegenwart. Wir kamen überein, die Sexualität zwischen uns beiden außen vor zu lassen.
Wir haben uns danach erst regelmäßig und dann immer häufiger getroffen. Wir mochten uns, aber es war reine Freundschaft, die uns verband und ich fühlte mich wohl in seiner Gegenwart. Er bestätigte mir das auch von sich. Wir unternahmen viel gemeinsam an den Tagen, wo sein Lokal geschlossen war. Und wenn er arbeiten musste und ich Zeit hatte, ging ich in die Kneipe zu ihm.

 

Meine Kumpels aus der Clique waren schon misstrauisch, weil ich immer neue Ausreden hatte, keine Zeit für gemeinsame Unternehmungen zu haben. Irgendjemand muss mich dann wohl mal eher zufällig aus dem Lokal am Rand der City kommen gesehen haben. Von da an hatte ich keine Kumpels, keine Clique, mehr, wurde mit Vorwürfen überhäuft. Die Bandbreite weiterer Reaktionen reichte von Unverständnis über *... wollen wir nichts mit zu tun haben* über *… sind Dir jetzt die Homos lieber als wir?* bis *… schwule Sau*.

Ich habe durch diese Reaktionen fürs Leben gelernt. Alf habe ich natürlich weiter getroffen und wir waren wirklich gute Freunde.

Eines Tages nun, ging ich wieder zum Lokal, freute mich auf ihn und seine Gesellschaft. Weil vorn geschlossen war ging ich zur Hintertür, wie ich es sonst auch immer getan hatte an den Ruhetagen. Aber heute war kein Ruhetag. Es öffnete niemand. Gut dachte ich, er hat’s vergessen, obwohl ich im nächsten Augenblick wusste, das kann nicht sein, das war nicht seine Art. Ich ging nachdenklich nach Hause und machte mir Sorgen, weil ich spürte, da war etwas nicht in Ordnung.

Gleich am nächsten Nachmittag habe ich es wieder versucht. Wieder war der Vordereingang verschlossen, was ungewöhnlich für einen Samstag war. Diesmal wurde aber geöffnet, als ich hinten klingelte. Alfs guter Bekannter stand vor mir. Ich fragte ihn, was los sei. Er erwiderte, ich solle erst einmal reinkommen. Dann erzählte er mir, dass Alf seit drei Tagen verschwunden sei. Keiner wisse, wo er sei.

Nun machte ich mir richtig Sorgen. Das war nun gar nicht der Alf, den ich kannte.

 

Einige Monate später habe ich dann erfahren, dass man Alf tot in einem Fluss gefunden hatte. Er hat sich das Leben genommen und ich habe es nicht verhindern können. Keiner konnte mir etwas über die Gründe sagen.

Ich hatte Schuldgefühle und brauchte eine lange Zeit, um über diese Wendung der Dinge hinweg zu kommen. Es war der erste große Verlust in meinem Leben.

Ich hatte den einzigen wahren Freund verloren, den ich zu der Zeit hatte.

 

Und wir waren jung. Und wir hatten noch soviel gemeinsam vor. Wir wollten die ganze Welt erobern!
Uns waren nur etwas mehr als 4 Monate vergönnt.

Uns, dem Alf, der eigentlich Alfons hieß, aber nicht so genannt werden wollte und mir.

 

Alf wurde nicht einmal 24 Jahre alt!

 

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