Doro, Du hast nicht einmal Tschüss gesagt

Fluß, Liebe, Doro, Selbstmord
Unser Platz

 

"Once upon a time, there was." oder "In a land so far away from here." - So fangen Märchen auf Englisch an, bei uns heißt es "Es war einmal." Und, es hätte ein Märchen werden können, nur, Du hattest anders entschieden.

 

Wir waren beide süße 16 Jahre jung.

 

Aber der Reihe nach.

 

Doro und ich nahmen den Bus an diesem Nachmittag. Wir hatten uns verabredet. Spazierengehen wollten wir. Reden miteinander wollten wir. Uns aussprechen wollten wir.

Dafür wählten wir „unseren Platz“. Diese Stelle hatten wir im Frühjahr bereits entdeckt und zu "unserem Platz" gemacht.

Am Fluss, der sich an der südlichen Grenze der Region dahinschlängelte und dem Gebiet seinen Namen gegeben hatte, stiegen wir aus dem Bus. Wir gingen an den Ort, den wir beide für solche Momente wie diese gesucht und gefunden hatten. Wir gingen zu "unserem Platz"

Der lag dort, wo der Fluss mit seinen Mäandern ein breites Omega bildete, an der ruhigeren Uferseite.

Sehr lange redeten wir miteinander. Sie hat mir ihren Standpunkt klargemacht und ich habe eingesehen, dass ich ihr mit meiner verletzenden Äußerung sehr wehgetan habe und sie um Verzeihung gebeten. Schweigend saßen wir anschließend am Wasser.

Erst nach zwei Stunden nahmen wir uns bei den Händen, standen auf, umarmten und küssten uns und gingen ein Stück. An der Seite des Flusses gab es Wiesen, mittlerweile in einem saftigen Grün. Wir zogen unsere Schuhe aus und liefen barfuss, uns an den Händen haltend durch das noch feuchte hohe Gras. Es war ein Frühsommertag im Juni und es hatte nachts geregnet.

 

An einer Stelle der Wiese, wo das Grün nicht so lang war stoppten wir, ließen uns fallen und genossen diesen frischen Duft des werdenden Sommers. Wir lagen nebeneinander und schauten gedankenverloren und träumend in den Himmel, unsere Hände ineinander gefaltet.

Sie lachte und rief: "Schau mal, diese Wolke da oben, sieht die nicht aus wie ein Dampfer?" Ich blickte erst in den Himmel, dann sie fragend an.

Sie lächelte nur und ergänzte: "Sieh nur, die Wolken, wo die herkommen, wo die hinziehen, was die schon alles gesehen haben, was die noch alles sehen werden." Ich betrachtete erst sie und dann die weißen vergänglichen Gebilde am Himmel. Ein wenig neidisch war ich schon auf diese Gebilde, die aussahen wie aus Watte und sagte zu Doro: "Weißt Du, die ziehen dorthin, wo Ihr morgen sein werdet, in Eurem Urlaubsort am Meer".

Wir waren glücklich, vor dem Urlaub mit ihren Eltern alles geklärt zu haben, was unsere Liebe belastete.

 

Zwei lange Wochen sollten wir getrennt sein, würden uns nicht sehen. Für uns beide eine kleine Ewigkeit, wie wir uns gegenseitig versicherten.

Gerade als ich mich über sie beugte, um sie zu küssen, gab es einen lauten Knall. Unbemerkt hatte sich der Himmel verdunkelt. Ein Gewitter war herangezogen. Mit dem Knall kam auch unmittelbar der Regen. Erst leicht und ich küsste ihr die Regentropfen vom Gesicht, dann aber öffnete der Himmel seine Schleusen.

Wir fanden so schnell keinen geeigneten Unterstellplatz und wurden klatschnass. Die Nässe drang nach kurzer Zeit durch die leichte Sommerkleidung und kam auf unserer Haut an. Wir liefen zur Haltestelle. Dort waren wir durch das Wartehäuschen wenigstens vor dem eigentlich gar nicht so kühlen Getropfe von oben geschützt.

Als wir in den Bus stiegen schaute uns der Busfahrer mitleidig an und wunderte sich, dass wir noch so fröhlich waren und scherzten.

 

Von der Haltestelle in der Stadt war der Weg nicht weit zu der Wohnung Ihrer Eltern. Die besaßen ein Restaurant und waren bis in die späten Abendstunden dort beschäftigt. Wir waren daher ungestört in der Wohnung.

In ihrem Zimmer zogen die nassen Klamotten aus, trockneten uns ein wenig ab und legten uns splitterfasernackt auf das Bett. Im gleichen Moment fingen wir an, uns gegenseitig zu verwöhnen.

Es war ein seltsames Erlebnis an diesem Nachmittag. Ich kann nicht beschreiben warum, aber sie war anders als sonst. Irgendwann gegen Abend, verließ ich sie und ging nach Hause. Wir hatten uns verabschiedet und verabredet, dass sie mich anruft, wenn sie aus dem Urlaub mit ihren Eltern zurück ist.

 

Es waren zwei lange, einsame Wochen für mich, quälend lang ohne Doro. Ich kannte den Termin ihrer Rückkehr und rief an dem Tag bei ihr zu Hause an. Als der Hörer abgenommen wurde, hörte ich die Stimme Ihrer Mutter.

Eigenartig, sie sagte nicht wie sonst "Hallo, warte ich gebe dir Doro" sondern "Komm bitte einmal vorbei. Es gibt etwas, was Du wissen solltest."

Ich ging hin und spürte tief drinnen in mir, es war etwas Fürchterliches geschehen.

Dann erfuhr ich es, Worte von Doro's Mutter, die in meine Ohren drangen, dumpf wie durch einen dicken Vorhang, obwohl ich sie gar nicht hören wollte, weil sie so schmerzten. Worte, die an mir vorbei flogen und die ich im Vorbeifliegen wahrnahm, Einzelheiten, die ich gar nicht wissen wollte.

Ich war fassungslos, hielt mir abwechselnd die Ohren zu, um die Schilderung nicht mit anhören zu müssen und die Hände vors Gesicht, um die Bilder nicht sehen zu müssen, die sich mittlerweile in meinem Kopf befanden, weil mein Gehirn bereits angefangen hatte, Bilder zu malen zu den Worten, die ich eigentlich nicht hören wollte. Es nützte nichts. Alles kam bei mir an, die Worte, die Bilder, der Schmerz, alles.

Fortwährend schluchzte ich, schrie ihren Namen, fügte hinzu, das kann nicht sein, um dann auf dem Stuhl wieder zusammen zu sacken wie ein Häuflein Elend.

 

Sie hatte entschieden, nicht mehr leben zu wollen. Ich weiß nicht warum, habe keine Anzeichen gesehen, keine Warnsignale wahrgenommen, vielleicht Hilferufe nicht gehört oder falsch interpretiert.

 

Ich war ja auch erst Sechzehn.

 

Augenblicklich waren sie da, die Bilder von unserem letzten gemeinsamen Ausflug an den Fluss, der dem Gebiet seinen Namen gab, an die ausgelassene Freude an diesem Nachmittag, an ihre nassen Haare, an ihr zauberhaftes Lachen, an die Küsse, an die Zärtlichkeiten und an die Pläne, die wir miteinander für den Rest unseres Lebens geschmiedet hatten.

Wie eine Aneinanderreihung von Momentaufnahmen lief dieser Film in Zeitlupe vor meinem inneren Auge ab.

Ich bemerkte nicht mehr, wie mich ihre Mutter in den Arm nahm, um mich zu trösten.

 

Ich liebte sie so sehr, die Doro, aber sie hatte anders entschieden.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Micha (Samstag, 19 November 2011 23:42)

    ...ich liebe deine Erinnerungsgeschichten und tscha, die Doros. ;-)