Diese Nacht war nicht zum Schlafen da ...

Nacht, Osnabrück, Krimi, Junge, Orange, junge Witwe, Hund, Älterer Herr mit langem Haar

  Hals über Kopf hatte er spätabends das Haus verlassen. Seit Stunden schon hastete er durch die Stadt an der Hase, immerzu an den Hauswänden entlang, die wie schützende Mauern um ihn herum emporragten. Beharrlich beherrschten die Geschehnisse sein Denken, die ihn seitdem er die Haustür hinter sich ins Schloss fallen hörte nicht mehr losließen. Dreizehn Jahre war er alt und doch schon geprägt durch Gewalt und Grausamkeiten.
„Schlappschwanz, Schwuchtel“ brüllte ihn sein Vater immer an, wenn er wieder einmal zu viel gesoffen hatte, was letztlich ein Dauerzustand war.

Er beachtete die Menschen um sich herum kaum, die fröhlich und ausgelassen vom Stadtfest kamen. Auch die waren mit sich selbst so sehr beschäftigt, dass sie den Jungen in seinem verstörten Zustand mit dem Messer in der Hand nicht wahrnahmen.
Es fiel ihm schwer zu begreifen, was sich zu Hause in der kleinen Wohnung des Mehrfamilienhauses in der Parkstraße abgespielt hatte.
Er war ja fast noch ein Kind.

Die Sonne am Rubbenbruchsee war gerade aufgegangen und zeigte sich noch gleichsam einer in tiefes Orange getauchten Scheibe knapp über dem Horizont. Der Rentner ging mit seinem Hund an der Leine frühmorgens dort Gassi, wie er es jeden Morgen zu tun pflegte. Er wunderte sich über die am Uferrand sitzende Gestalt, trat vor sie hin und sprach sie an.
„Alles in Ordnung, junger Mann?“ wollte der alte Herr wissen. In diesem Moment bemerkte er auch das neben dem Jungen im Gras liegende Messer. Er hielt inne und machte einen kleinen Schritt zurück. In diesem Moment schaute der am Boden Sitzende zu ihm auf.
„Er ist tot, endlich tot!“ mehr brachte dieser nicht heraus. Gleich darauf senkte er wieder den Kopf und schluchzte.
Nun zuckte der Alte ein wenig zusammen und fragte: „Wer ist tot?“ Er bekam aber keine Antwort.

Zu Hause saß die Mutter des Jungen zusammengekauert am Boden. Ihr Ehemann lag immer noch vor ihr tot auf den weißen kalten Fliesen der Küche und seinen Oberkörper umgab eine große Blutlache. Es klingelte und dadurch aufgeschreckt, kündigte auch der kleine Hund der Familie kläffend den Besuch an. Die Kriminalpolizei, die sie selbst gerufen hatte, stand vor der Wohnungstür. Ein großes blutverschmiertes Küchenmesser noch in der Hand, öffnete sie wortlos, drehte sich um und ging sogleich wieder dorthin, von wo sie gekommen war und setzte sich, an einen Küchenschrank in der Ecke gelehnt auf die kalten Bodenkacheln. Als die Beamten hereinkamen, hielt sie einem von ihnen ein blutiges Messer entgegen. Einer der Kriminalpolizisten zog sich eilig Handschuhe an, nahm das Messer und verpackte es in eine Plastiktüte. Danach führte man die Frau aus der Küche und die nun anwesende Spurensicherung machte sich an die Arbeit.

Der ältere Herr hatte über sein Mobiltelefon die Polizei verständigt und der eintreffende Peterwagen hielt ganz in der Nähe der Beiden.
Eine Polizistin und ein männlicher Beamter kamen auf die Beiden zu. Sie nahm ruhig das Messer an sich und wollte von dem Jungen wissen, wo er denn wohne. Fast automatisch und ohne jede Regung in der Stimme gab dieser bereitwillig Auskunft und die Drei fuhren mit dem Peterwagen zu der angegebenen Anschrift.
Vor dem Haus standen mehrere Polizeifahrzeuge, ein Rettungswagen und auch die schwarze Limousine eines Bestattungsunternehmens.
Den Knaben zwischen sich, betraten sie die Wohnung und tauschten sich kurz mit den in der Wohnung anwesenden Beamten aus, um sich über das Geschehene zu informieren. Diesen kurzen Augenblick der Unachtsamkeit nutzte der Junge und eilte in die Küche. Dort hatte er, bevor er vor etlichen Stunden aus dem Haus gerannt war, den regungslosen blutverschmierten Körper seines Vaters liegen sehen.

In diesem Moment entdeckte er seine Mama, die an den Armen gehalten, von zwei Polizisten hinausbegleitet wurde.
Er lief hinterher bis ins Treppenhaus, wo er von einem Nachbarn aufgehalten wurde. Weinend stand er da und schaute der Mutter nach. Sie drehte sich noch einmal auf der Treppe um und rief zu ihrem Sohn herauf: „Es ist vorbei, mein Kleiner, Gott sei Dank ist es vorbei.“

Einige Tage danach war in der lokalen Presse zu lesen:

 

  Wie aus Justizkreisen zu erfahren war, hat es in dem Mordfall in der Parkstraße eine überraschende Wende gegeben. Obwohl alles nach einem eindeutigen Fall aussah, gab es Zweifel, dass die kleine eher zierliche Frau die Tat an dem ihr körperlich weit überlegenen Mann begangen hat. Da man ihr eine Tatbeteiligung nicht nachweisen konnte, wurde die junge Witwe aus der Haft entlassen


 

Am selben Tag noch gab die Staatsanwaltschaft die Verhaftung eines dringend Tatverdächtigen in dieser Strafsache bekannt.

Und abermals einen Tag später schrieb die Neue Osnabrücker Zeitung in großen Lettern über den Fall:

 

Geliebter erstach Ehemann



  [...]. Der Täter […] hat ein umfassendes Geständnis abgelegt. […], der Geliebte der Ehefrau war ein Nachbar, ein gewisser Hermann G., der im gleichen Haus wohnte.


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