Der alte Fischer

Ostpreußen, Haffboot, Krieg
Bild: Jens Bredehorn_pixelio.de

…was wäre die Welt ohne Erinnerungen?

 

Was wären wir ohne die Erinnerungen an unsere alte Heimat?" sinnierte die alte Frau des Fischers.

Sie saßen abends zusammen und hatten sich im Gespräch wieder mal in die Zeit vor vierzig Jahren zurück geschabbert. So wie es vor mehr als vier Jahrzehnten am Haff war.

Ein heiteres Lächeln verzog die faltige, von der Sonne gegerbte braune Haut ihres Gesichtes. Sie hatten es in ihrem Leben nie leicht gehabt, aber sie waren zufrieden mit dem, was sie mit ihrer Hände Arbeit geschaffen hatten. Der alte Fischer quittierte ihre Ausführungen immer bedeutungsvoll mit einem brummenden „Ja, das waren noch Zeiten“ und einem sich anschließenden leichten Seufzer. Seine Stimme war von dem Pfeifentabak rau und rauchig geworden. Sein Leben lang rauchte er seine geliebte Pfeife.

Schon damals, frühmorgens auf dem Haff, als er zum Fischen mit seinem Haffkahn hinausfuhr. In aller Herrgottsfrühe war er mit seinem kleinen Boot bereits auf dem Wasser, Winter wie Sommer. Der Winter war streng und lausig kalt damals in Ostpreußen und es gab Zeiten, in denen sein Boot einsam am Strand lag und darauf wartete, dass mildere Luft das dicke Eis auf dem Haff schmolz. Die Netze hingen am Strand zum Trocknen, über den Stangen, die im Sand steckten. Bei Frost boten sie einen fremdartigen Anblick. Hart gefroren, über und über mit Eiskristallen behangen. Der eisige Wind hatte sie zu bizarren Formen modelliert.

Er legte seine Pfeife auf den Rand des Aschenbechers auf dem kleinen Tisch neben dem Sessel.

„Erinnerst Du Dich, wie schön es damals war“? Das war einer der wenigen Sätze, mit denen er versuchte, ein Gespräch mit seiner Frau anzuregen. Die saß ihm schräg gegenüber, hatte ihr Strickzeug auf dem Schoß liegen. Aus dem Wollknäuel sollten ein paar warme wollene Socken werden. Sie strickte alle Socken für sich und den Fischer selbst.

„Ja“, erwiderte sie, wieder mit einem zufriedenen Lächeln um den Mund „es waren harte Zeiten, aber die Welt war noch in Ordnung.“ Sie schaute ihren Mann liebevoll an, während ihre Finger weiterhin Masche für Masche um die Stricknadeln zogen.

 

„Weißt Du noch, 1935?“

„An was denkst Du denn gerade?“

„Ich habe den Tag vor Augen, an dem wir nicht mehr zu zweit waren.“

„Ja, es war ein schöner Frühsommertag und Du warst schwanger mit unserer Ältesten.“

„Du bist morgens hinausgefahren und als die Hebamme kam, konnte Dich niemand erreichen.“ Sie lachte. „So war es halt. Väter waren bei der Geburt nicht dabei. Ich hätte mir gewünscht, Du wärest da gewesen.“

„Ich weiß, aber es hat ja auch wunderbar ohne mich geklappt. Aus ihr, unserer kleinen Ursula, ist eine wunderschöne, erfolgreiche Frau geworden. Sie hat einen liebevollen Ehemann und zwei wohl geratene Kinder, die ja nun auch schon studieren.“ „Ja, wohl war“, seufzte sie. „Und erinnerst Du Dich noch an das Fest danach? Alle waren da.“

 

So schabberten sie noch eine ganze Weile. Wie in alten Zeiten, als sie noch in ihrem kleinen Fischerhaus am Haff wohnten.

Der unsägliche Krieg hatte ihnen alles genommen. Noch nicht einmal ihr Boot hatten sie am Kriegsende retten können. Die Ostsee und das Haff waren im Winter 1945 zugefroren. Er konnte nicht zum Fischen hinausfahren in diesen Tagen. Beim Frühstücken hörten sie aus der Ferne Geschützdonner. Lange hatten Sie darüber nachgedacht, was sie machen sollten, wie es weiter gehen würde. Ihre Heimat verlassen? Diesen Gedanken hatten sie ganz weit von sich geschoben. Nun kam der Krieg näher. Als sie ihren Kaffee tranken und ihr Brot aßen, haben sie sich beraten und noch einmal über die prekäre Situation nachgedacht, wie schon viele Male vorher. Die Entscheidung hatten sie aber bereits gefällt.

 

„Ich habe soweit alles gepackt.“

 

„Gut“, entgegnete er mit ruhiger Stimme. „Dann werde ich jetzt das Gespann fertig machen“.
Er ging in den Stall und holte die zwei Pferde aus dem Stall ins Freie. Die Tiere schnaubten und ihr Atem stob als weiße Wolke aus ihren Nüstern. Der alte Leiterwagen stand schon unter der Remise bereit. In den letzten Tagen hatten sie ihn bereits bis zum Rand voll gepackt mit dem Hab und Gut der Familie. Vieles mussten Sie trotzdem zurücklassen.

Ruhig spannte er seine beiden Arbeitspferde, zwei Kaltblüter, vor den Wagen. Anschließend ging er ins Haus, um die dort bereit stehenden Koffer mit Kleidung und den wichtigsten Dokumenten zu holen und auf dem Wagen zu verstauen.

Sie nahm ihre drei Kinder bei der Hand und kletterte mit ihnen auf die Sitzbank des Leiterwagens. Alle waren warm angezogen. Es war bitterkalt und die Kinder froren. Der Jüngste war zusätzlich in eine dicke warme Wolldecke eingehüllt und sie hielt ihn im Arm, so als wolle sie ihn mit ihrem Körper noch mehr wärmen.

Mit einem Zungenschnalzen setzte er das Gespann in Bewegung. Die Pferde waren nervös. Mit seinem einen Arm war es nicht so einfach, die Tiere zu führen. Die drei, der Fischer und seine Rösser waren aber aufeinander eingespielt und die Tiere reagierten auf den kleinsten Ruck am Zügel oder auf seine ruhigen Worte, die er nach vorne zu ihnen hin sandte. Den linken Arm hatte er in Russland verloren. Granatsplitter hatten ihn zerfetzt. Ein kurzer Blick zurück und sie entfernten sich immer weiter von ihrem Haus, voller Hoffnung, es nur für kurze Zeit verlassen zu müssen. Sie wollten zurückkehren, wenn dieser unsägliche Krieg vorüber wäre.

Sie ahnten noch nicht, dass es ein Abschied für immer war. Sie sollten ihr Zuhause nicht mehr wieder sehen.

Weiter ging es gen Westen, immer weiter. Zu Beginn der Fahrt über die zugefrorene Ostsee. Auf dem Eis waren sie nicht alleine. Ein endlos langer Strom an Fuhrwerken und Leuten mit Handkarren zog gen Westen. Alle wollten diesem Krieg entkommen. Später ging es an Land weiter. Immer wieder hielten sie von Zeit zu Zeit an, um sich auf ihrem mitgenommenen Esbit-Brenner etwas Warmes zum Trinken zuzubereiten. Ein heißer Tee, das war alles, was auf dem ersten Teil der Flucht möglich war. Gegen Abend, es war schon dunkel und kaum die Hand vor Augen zu sehen, kamen sie in ein kleines Dorf. Sie hielten vor einem der Bauernhöfe. Er ging zur Tür und klopfte an. Nach geraumer Zeit öffnete eine ältere Frau die Tür.

 

„Sie war eine herzensgute alte Frau“. Diese Worte holten ihn aus seinen Gedanken in die Jetztzeit zurück. Sie legte ihr Strickzeug auf den kleinen Tisch neben sich.

„Das Holz im Aben ist heruntergebrannt“, bemerkte sie. „Ich friere ein wenig. Es ist schon spät, lass uns schlafen gehen“.

Nur mit einem Nicken und einem kurzen „Ja, der Tag war lang, ich bin auch müde“, stimmte der Alte ihr zu. „Morgen ist auch noch ein Tag“.

Ohne Eile schlurften sie in ihren alten Babuschen ins Schlafzimmer. Der Gutenachtkuss besiegelte den gemeinsamen Tag und erneuerte ihre gegenseitige Zuneigung , wie jeden Abend in den ungefähr fünfzig Jahren, die sie in guten wie in schlechten Zeiten untrennbar gemeinsam verbracht hatten und beide schliefen zufrieden ein.

 

Auf dem Nachttisch lag ein Buch, „Liebes altes Königsberg“, in dem sie immer wieder blätterte. Sie hatte es bereits unzählige Male gelesen.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0