Der alte Fischer Zweiter Teil

Ostpreußen, Erinnerungen, Haffboot, Krieg
Bild: Jens Bredehorn_pixelio.de

…was wäre die Welt ohne Erinnerungen

Die alte Bäuerin in der Tür schaute und grüßte freundlich: „Guten Abend.“
Sie bemerkte draußen auf dem Leiterwagen die Mutter mit den Kindern, öffnete die Tür weiter und bat alle herein.
„Danke“, entgegnete der Fischer und fragte: „Kann ich vorher den Wagen irgendwo geschützt abstellen? Ich muss auch erst noch die Pferde versorgen. Haben sie für die beiden einen Platz?“
„Aber sicher, links um das Wohngebäude finden Sie die Scheune und den Stall. Dort ist genügend Raum für den Wagen und auch Futter für die Pferde.“
Die Mutter war mittlerweile mit den Kindern von dem Wagen gestiegen und stand hinter ihrem Mann.
„Bitte, bringen sie die Kinder ins Warme.“
Die alte Bäuerin ging voran. Sie führte die Vier durch den schummerigen Flur in eine Stube, in der es heller und mollig warm war. Vor den Fenstern waren dicke Vorhänge angebracht, die keinen Lichtstrahl nach außen dringen ließen.
„Gott möge Ihnen das vergelten“, dankte die Frau des Fischers. „Wir sind alle durchgefroren auf der langen Fahrt“. Und sie kauerten sich alle um den wärmenden Kachelofen.
Die alte Frau fragte, ob die Gäste Durst hätten und hungrig seien.
Schweigen!
„Bitte, sagen Sie doch etwas“.
Die Frau des Fischers hielt immer noch ihren Jüngsten auf dem Arm, der abwechselnd leise wimmerte und hustete. Die Tränen rannen ihr über die vom Frost geröteten Wangen. Die beiden anderen Kinder saßen an ihre Mama geschmiegt auf der Holzbank vor dem Kachelofen. Ihre Minen waren starr und ihre Gesichter schmal. Mit großen Augen schauten sie die Bäuerin an. Freundlich und mitfühlend sah sie zu den Kleinen hinüber fragte: „Habt ihr Hunger?“ Sie ging auf die Zwei zu und streichelte ihnen mit der Hand übers Haar. Nur mit einem Kopfnicken beantworteten sie die Frage.
„Dann werde ich mal schauen. Ich glaube in der Speisekammer steht noch eine große Portion  Eintopf. Mögt ihr denn Wruken* mit Kartoffeln und Speck?“ an die Kinder gerichtet, „Ich glaube es ist auch noch Mettwurst darin. Und Milch ist gewiss auch noch da.“ Für diese Worte erntete sie von den Kindern ein strahlendes Gesicht mit einem abermaligen zustimmenden Nicken.
Auch die Frau des Fischers guckte nun zur Hausherrin hinüber. „Danke, das ist sehr großherzig. Wir möchten Ihnen aber nicht zur Last fallen.“
Ihre Worte begleiteten die alte Frau auf dem Weg in die Küche. Die drehte sich noch einmal um und lächelte, bevor sie durch die Tür in den Flur verschwand.
In der Stube zog Mama den Kindern die dicken Jacken aus, nahm ihnen die Mützen ab und strich jedem Kind das Haar glatt so gut es ging. Die wohlige Wärme füllte die unterkühlten kleinen Körper langsam mit Leben. Nur der Kleinste weinte immer noch und auch das Husten ließ nicht nach. Fest drückte ihn die Mutter an sich.
Nach einer Weile kam die Bäuerin wieder in die Stube, nahm aus dem alten Buffet fünf Teller und stellte sie auf den Tisch. Sie griff in die vorher herausgezogen Schublade des Schrankes und entnahm fünf Löffel. Sie verteilte die Teller und legte jeweils einen Löffel daneben. Aus ihrer Schürzentasche holte sie ein kleines Fläschchen und reichte es der Mutter.
„Das ist ein Hustensirup aus Spitzwegerich mit Honig. Bitte geben sie dem Kind einen Löffel voll davon. Es könnte seinen Husten ein wenig lindern. Sollte es sich morgen früh noch nicht gebessert haben, mache ich einen Zwiebelsud. Der schmeckt zwar scheußlich und muss für Kinder auch mit ein wenig Honig gesüßt werden, hilft aber gewiss, den Husten zu lösen“ Danach verschwand sie mit einem Lächeln um den Mund wieder im Flur, um wenig später mit einem großen Topf halb gefüllt mit Linsensuppe wieder zu erscheinen. Auch den stellte sie auf den Tisch. Im selben Moment klopfte es an der Tür und der Fischer trat herein. Durchgefroren rieb er sich die Hände, die noch in dicken Wollhandschuhen steckten. Er schaute in die Runde, sah seine Frau und die Kinder und bemerkte: „Die Pferde sind versorgt. Und wie ich sehe, sind jetzt die Menschen dran.“ Als er das sagte, blickte er verschämt zugleich aber auch dankbar zu der alten Frau und schmunzelte. „Ich weiß nicht, wie wir Ihnen das vergelten können. Wir haben großes Glück, auf einen so großherzigen und guten Menschen getroffen zu sein. Wir werden für sie beten“
„Essen Sie erst einmal die Suppe. Die wird Sie und Ihre Familie stärken. Danach werden wir weiter sehen. Heute Nacht bleiben Sie hier. Ich habe unglaublich viel Platz im Haus und freue mich über jeden Besuch. Das Leben ist einsam geworden, seit mein Mann und meine beiden Jungchens nicht mehr da sind.“
„Was ist geschehen?“ wollte der Fischer neugierig wissen.
„Setzen wir uns an den Tisch und nehmen sie sich von der Suppe mit der Wurst. Dabei können sie mir berichten, wo sie herkommen und wo sie hinwollen. Ich erzähle ihnen, warum es so einsam ist im Haus.“

„Weißt Du noch? Kannst Du Dich noch an diesen Abend erinnern?“ wollte die Frau des Fischers von ihrem Mann mit hochgezogenen Augenbrauen wissen und schaute ihn dabei liebevoll fragend über den Tisch zu ihm. Er lugte, die alte runde Lesebrille auf der Nase, über deren oberen Rand, nahm seine Pfeife aus dem Mundwinkel, legte sie auf den Rand des Aschenbechers und nickte mit dem Kopf.
„Ja, das kann ich genau. Ich habe nicht vergessen, wie uns seinerzeit am ersten Tag unserer Flucht geholfen wurde. Ich erinnere mich an diese alte Frau, die uns so herzlich aufgenommen und uns und die Kinder so fürsorglich bemuttert hat. Sie hat es weiß Gott nicht leicht gehabt. Der Mann und zwei Söhne waren im Feld geblieben, fürs Vaterland gefallen, wie es damals immer so pathetisch bekannt gegeben und den Angehörigen mitgeteilt wurde. Da habe ich ja noch großes Glück gehabt, dass ich mit einem Arm weniger, aber ansonsten unversehrt diesen Krieg überlebt habe.“

„Was war das für eine Welt, in der man sich glücklich schätzen musste, mit fehlenden Gliedmaßen davongekommen zu sein?“ Und er schloss mit einem Satz, den er schon unzählige Male gesagt hatte: „Und das alles nur für einen Größenwahnsinnigen und seine Henkersknechte, die soviel Leid über die Welt und unser geliebtes Land gebracht haben!“
Bei diesem letzten Satz verzog er sein Gesicht und die Mimik zeugte von Spott. In seiner Stimme war eine Menge Hohn zu vernehmen. Er nahm das vor ihm auf dem Tisch stehende Glas mit dem doppelten Machandel**, den er sich abends immer genehmigte und leerte es mit einem Schluck.

Seine Augen waren ausdruckslos und ohne jede Regung. Er starrte in ihre Richtung. Sie konnte in diesen Augen lesen und erkannte, dass ihr Mann gerade tief versunken in Gedanken an die geliebte Heimat dachte, aber auch über die erlebten Geschehnisse als Soldat in diesem unsinnigen barbarischen Krieg grübelte.


*      Wruken        --> Steckrüben
**    Machandel   --> Wacholderschnaps

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