Wir helfen Omma

Fachwerkhaus, Schlachten, Ernten, Wennemen
Mein Elternhaus

 

… es lag in einem Dorf in der Mitte der Republik, das Haus.

 

Dort wo die Gipfel nicht so hoch, wie in den hohen, majestätischen Gebirgen des Südens oder so anmutig, wie die sanften Hügel des Nordens, aber dafür genau so schön wie diese sind.

 

Immer, wenn es etwas zu tun gab oder Hilfe benötigt wurde auf dem kleinen Bauernhof meiner Großeltern, fuhr unsere Mutter mit uns, meinem kleinen Bruder und mir zu Omma.

 

Es war keine große Entfernung. Nahe dem Forsthaus stiegen wir in einen Bus und genau vor dem Haus meiner Omma war eine Bushaltestelle. Dort stiegen wir nach knapp zwei Stunden Fahrt wieder aus. Der Bus hielt in jedem kleinen Ort, hatte einen Fahrer und einen Schaffner. Der rief jede Haltestelle lautstark, lang gezogen und zum Wortende in der Tonhöhe ansteigend aus. Wenn er bei <STOCKHAUSEN> angekommen war, wussten wir, nun war es nicht mehr weit. Nur noch drei Haltestellen und dann Omma!

 

Das ging im Frühjahr los mit der Bestellung des Bauerngartens. Es wurde gegraben und geharkt, Löcher gestochen für die kleinen Samenkörner, die einmal sooo groß werden wollten und zu unserem Wohlbefinden als Gemüse oder Früchte beitragen sollten. Das war zumindest der Sinn der ganzen Aktion. In diesem Garten wuchs alles, was das Herz begehrt. Und schon vor der Erntezeit habe ich so manches kleine Möhrchen gar nicht erst groß werden lassen, aus der Erde gezogen, nur grob abgewischt und gleich an Ort und Stelle verputzt. Es hat ganz schön geknirscht zwischen den Zähnen.

 

Im Sommer war dann Heuzeit. Wir Kinder genossen es ganz besonders auf dem hochbeladenen Heuwagen mit nach Hause fahren zu dürfen. Vier Meter Höhe passten durch das Deelentor und fast so hoch war der Wagen auch beladen. Wir hatten einen herrlichen Ausblick dort hoch oben auf dem (nicht gelben, das war erheblich später und nicht von mir) Leiterwagen. Und man konnte sich dort auch auf den Rücken legen und nach oben schauen. Man sah Vögel, Insekten, den Himmel, die Sonne, Wolken, die in immer neuen Formen und Figuren vorbeizogen. Es machte mir außerordentlichen Spaß diese Figuren und Formen zu erkennen und lautstark an die anderen zu melden, wie „kuck mal, da ist ein Schäfchen, sieht die nicht aus wie ein Baum?” und, und, und…

Mit stoischer Gelassenheit kam dann von den Erwachsenen zurück, “ja, das sehen wir“ und sie lächelten…..immer und immer wieder.

Mit dem Spätsommer und dem Herbst kam die Erntezeit. Kartoffeln wurden ausgemacht, Pilze wurden gesucht und gefunden, Haselnüsse und Bucheckern gesammelt, Obst, Gemüse, Beeren wurden geerntet, verarbeitet und konserviert. Das meiste wurde in Weckgläser eingekocht. So richtete man sich ein auf die damals noch beständig kalte und dunkle Jahreszeit ohne frisches Obst und Gemüse.

Ja, Jahreszeiten waren noch Jahreszeiten, Winter kalt mit Schnee, Sommer bis in den September warm und sonnig. Ich kann heute nicht mehr sagen, ob das jedes Jahr so war. Ich habe es jedenfalls so in meinen Erinnerungen auf meiner <Festplatte>, ganz nah bei meiner Seele, gespeichert.

 

Es gab jedoch ein weiteres Ereignis in jedem Jahr, über das ich noch berichten muss, weil es sich ganz tief in mir verankert hat.

Es war Ende November. Der erste Frost hatte die Wiesen und Felder morgens bereits mit einem feinen weißen Zuckerguss bedeckt.

Es war Donnerstag. Morgens saßen alle am Küchentisch und die Erwachsenen unterhielten sich darüber. Oma sagte: “Morgen kommt der Schlachter!“ Es war nämlich noch üblich, die schön rund gefütterten <Steckdosennasen> zu schlachten und als Vorrat für die nächsten Monate in lecker Wurst und Schinken zu verwandeln. Daher hatten wir Kinder ihnen auch keine Namen gegeben. Denn „was Namen hat, das isst man nicht“, pflegte Oma immer zu sagen.
Dann am Samstagmorgen! Plötzlich hörten wir etwas schrecklich quieken. Dieses Quieken höre ich auch noch heute, wenn ich daran zurück denke. Das hat uns aber, neugierig wie Kinder nun mal sind, nicht davon abgehalten, zum Stall zu laufen, um nachzuschauen, was dort los war. Da sahen wir <Es> liegen, still, ohne einen Mucks zu sagen, unbeweglich ohne jegliche Regung. Weitere Einzelheiten aus meiner Erinnerung erspare ich mir mal.

Auf jeden Fall badete das Schwein gerade in unserem Sommerswimmingpool aus verzinktem Blech.

Und nachmittags standen zwei Leitern am Stall und daran hing aufgeschnitten das Schwein.

Im Stall und in der Waschküche war schon Hochbetrieb. Das Feuer unter den großen Kesseln war angeheizt und die Frauen warteten auf die Einzelteile des Tieres. Für uns Kinder war es immer ein Riesenereignis, das alles hautnah mitzubekommen. Etwas für die ganz Harten (und wir Kinder waren stolz wie Oskar dort mitmischen zu dürfen) war dann die Herstellung von Blutwurst. Das ist nichts für empfindliche Wesen mit noch empfindlicheren Mägen. Ich höre schon jetzt vom Leser ein iiihhh. Dieses iiihhh ist aber anerzogen. Kein Mensch kommt mit Ekelgefühlen gegenüber irgendwas oder irgendwem auf die Welt. Erst durch Abgucken und Nachahmen lernen wir das iiihhh. Eigentlich schade, es würde uns ohne dieses Gefühl vieles im Leben leichter fallen und es gäbe nicht so häufig Phobien vor Allem und Jedem. Auf jeden Fall rührten wir Kinder mit. Fast bis zur Schulter steckten unsere kleinen Ärmchen in der flüssigen Mischung, die einmal leckere Wurst werden sollte (Entschuldigung an alle Vegetarier). Und es hat uns einen Riesenspaß gemacht, ohne iiihhh.

Und am Sonntag ging es nach der Heiligen Messe weiter. Alle waren wieder in im Stall und in der Waschküche, Omma, Mama, Onkel, Tanten, Nachbarn und natürlich wir, mein kleiner Bruder und ich! Die Erwachsenen tranken einen Schnaps und wir Kinder durften auch mit anstoßen mit Milch frisch von der Kuh.

 

Wir wussten, dass es nun nicht mehr lange hin ist bis Nikolaus und Weihnachten. Und spätestens dann sollten wir wieder hier sein bei Omma.

 

Diejenigen, die noch Leben, besuche ich mehrmals im Jahr.

Mit allen anderen kann ich auch heute noch reden und das täglich! Und das ist es, was mir Trost gibt und die Hoffnung, sie alle eines fernen Tages wieder zusehen.

 

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