Weihnachten bei Omma mit Betti

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Weihnachten bei Omma

Betti, wir nannten sie Betti. Sie hieß eigentlich Elisabeth, das kleine Mädchen. Sie war nicht viel älter als wir, hatte aber in ihrem kurzen Leben bereits Schicksalsschläge hinnehmen müssen, die eigentlich für mehrere Leben ausreichend gewesen wären.

Ihr Vater, der spät aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war, starb an den Folgen der vielen körperlichen und vor allem seelischen Schäden, die dieser unsägliche Krieg bei ihm verursacht hatte.

Ihre Mutter war ein zierliches Persönchen. Betti hat sie sehr geliebt und als ihr Vater gestorben war, blieb Mama als einzige Bezugsperson für sie.

Bei der Geburt des Kindes hatte es Komplikationen gegeben. Eine leichte geistige und damit verbunden auch eine körperliche Behinderung waren die Folge dieser Geburtsprobleme. Das bedeutete für die Kleine in der damaligen Zeit ein Leben außerhalb der Gesellschaft. Zwar war die Zeit des rassenwahnpolitischen Gedankengutes vorbei, aber in der dörflichen Gesellschaft gab es immer noch Vorbehalte gegen solche Menschen. Scham, dieses Problem im eigenen Hause zu haben, war keine seltene Reaktion in dieser Zeit. Viele verbrachten ihr Leben innerhalb der Hausmauern und bekamen von der großen weiten Welt oder zumindest von den Geschehnissen im Dorf nichts mit. Ein Spruch ist mir heute noch in Erinnerung, den ich von etlichen Dorfbewohnern im Zusammenhang mit behinderten Menschen oft gehört habe. „Die gehören nach Marsberg“ war vor allem bei den Älteren die Meinung. Marsberg war ein Ort im Sauerland, ein Synonym für den Begriff „Irrenanstalt“. Anfang des 19. Jahrhunderts bis weit in meine Jugendzeit hinein hießen solche psychiatrischen Kliniken tatsächlich so. Auch die Klinik in Marsberg war in dieser Zeit die Provinzial-Irrenanstalt Westfalen. Was für ein Ausdruck für einen Ort, an dem Menschen eigentlich geholfen werden sollte.

 

Die Leute im Dorf hatten aber die Rechnung ohne meine Omma gemacht. Sie war eine herzensgute Frau und hatte das Fräulein Elisabeth, wie sie ihren Schützling nannte so fest ins Herz geschlossen, dass sie für sie sorgen wollte. Dies hatte sie der Mutter am Sterbebett versprochen. Bettis Mama wurde mit dem Kummer um ihre Kleine und mit dem Tod ihres geliebten Mannes nicht fertig. Der Druck war zu groß für sie. Ihr durch viele Probleme entkräfteter Körper kämpfte zwar gegen die schwere Lungenentzündung, doch das Immunsystem war schon zu sehr geschwächt, um diesen Kampf gewinnen zu können. Sie starb im Spätherbst des Jahres 1954.

Die Leute im Dorf schüttelten den Kopf. Das war Omma aber so was von egal. Sie ließ sich nicht beirren in ihrem Vorhaben, diesem kleinen Lebewesen ein warmes Nest zu bauen und ihm eine menschenwürdige und heitere Kindheit zu erlauben.

Immer wenn wir Omma besuchten, saß die Betti schon am Fenster und winkte uns zu, als wir den Weg von der Straße herauf kamen. Wenn wir dann im Haus die breite Treppe hinaufstiegen, hörten wir eine laute Stimme. Betti rief jedes Mal, wenn sie Tritte auf den Stufen der Holztreppe hörte „Mama, Mama!“ Omma hatte uns das erklärt, warum sie nach ihrer Mama ruft.

In der Küche angekommen, war die Freude groß, sowohl bei ihr als auch bei uns, meinem kleinen Bruder und mir. Uns war nicht entgangen, dass Betti anders war und nicht so mit uns herumtollen und spielen konnte. Omma hat uns dann klar gemacht, warum das so ist und wir haben es verstanden. Für uns war Betti genauso normal, wie wir selbst. Sie war ein freundliches, neugieriges und stets lachendes Mädchen. Wir konnten mit ihr Spiele am Tisch spielen und wenn sie dann gewann, war die Freude bei ihr riesengroß. So hatte dieses Menschenkind eine neue Familie bekommen. Eine Ersatzmama, die sich rührend um sie kümmerte und nichts auf das Getratsche im Ort gab. Meine Großeltern waren Ureinwohner in diesem kleinen Dorf und so war es nicht verwunderlich, dass einige Menschen sich zwar das Maul über die beiden zerrissen, viele andere meist jüngere aber mit Verständnis und teils auch mit Bewunderung über die Entscheidung sprachen, Elisabeth in unserer Familie aufzunehmen. So hatten wir, mein kleiner Bruder und ich, über Nacht ein neues Geschwisterchen bekommen.

 

Wieder einmal neigte sich ein Jahr dem Ende zu. Die Adventszeit war für mich eine der schönsten Zeiten im Jahr. Draußen lag Schnee, es war knackig kalt im Sauerland, der Winter war noch Winter, mit allem was dazu gehört.

Verschneite Straßen störten damals niemanden. Es gab wenig Autos und Verkehrsfunk im Radio mit Staumeldungen wegen des Wetters schon gar nicht.

Also, der Winter war für uns gemacht, für uns Kinder. Schlitten fahren, Schneeballschlachten, eingemummelt in warmes Zeug, so dass nur noch die Augen und die rote Nasenspitze hervorblinzelten. Wir haben es genossen. Und Mama und Omma haben uns gelassen, bis es dunkel wurde.

 

Aber es gab noch einen anderen Grund, warum wir so guter Dinge waren. Bald war Nikolaus. Einerseits freuten wir uns darauf, andererseits hatten wir höllischen Respekt, man weiß ja nie, was dieser *Kerl* alles weiß? oder…

Also, Füße still halten und abwarten war die Devise, nicht Tee trinken, ne, Kaba war damals für uns angesagt. Heute ist es bei mir Nesquick!!

Aber zurück zu dem Mann, vor dem wir als Kinder großen Respekt hatten, dem Nikolaus! Eigentlich auch nicht vor ihm, wenn da nicht dieser andere gewesen wäre, dieser Knecht Ruprecht!!! Und ich hatte seinetwegen, wegen dieses schwarzen Mannes, ein beklemmendes Gefühl.

 

So, der Tag kam näher, die Erwartung stieg. Wir saßen alle in der Küche. Der Ofen, der auch zum Kochen benutzt wurde, war geheizt. Ihr wisst schon, der mit der Reling drum herum zum Aufhängen der Trockentücher. Es war warm im Raum.

Und gleich würde die Tür aufgehen und die beiden, der Nikolaus und sein ungeliebter Gehilfe, der Knecht Ruprecht würden hereinspazieren.

Endlich war es soweit, die Tür wurde geöffnet. Ich habe mich hinter Omma versteckt, die Augen zugemacht und gedacht, wenn ich den nicht sehe, sieht der mich auch nicht. Aber das war ein großer Irrtum.

Auf einmal hörte ich meinen Namen, ach du Schreck!! Ich musste mich also zeigen. Dies geschah nicht freiwillig, sondern mit sanfter Unterstützung von Omma. Ich hatte absolutes Vertrauen zu ihr. Wenn sie mich hinter Ihrem Rücken hervorholte, konnte es schon nicht so schlimm werden.

UND!!! Sie hat mein Vertrauen niemals missbraucht!!! Niemals!!!!

Nun denn, allen Mut zusammen genommen und der vermeintlichen Gefahr, dem Nikolaus und dem Knecht Ruprecht fest ins Auge geschaut. Ich hatte das Gefühl, dieses Auge kam mir bekannt vor, konnte sie aber erst Jahre später einordnen, dieses Vermutung.

Es war, wie ich selbst feststellte, halb so schlimm. Ich war ja brav, also hatte ich nichts zu befürchten. Und richtig, es gab alles, was man sich als Kind damals gewünscht hat, Schokolade, Nüsse, Apfelsinen, getrocknete Feigen und etliche andere gesunde Leckereien und Süßigkeiten. Eine Playstation gab es nicht, denn die war nämlich noch nicht erfunden!

So weit so gut, Betti und die anderen Kinder im Raum kamen auch noch an die Reihe, Knecht Ruprecht mit seiner Rute hatte einen geruhsamen Abend ohne einen Einsatz und alle waren erleichtert und beruhigt.

Am nächsten Tag hatte uns der Alltag wieder mit warm Anziehen, Rodeln, Schnee und anderen Dingen.

 

Bald sollte Weihnachten sein, das Fest der Geburt Jesu und natürlich der Geschenke. Das war damals wie heute so, nur seinerzeit fielen die Wunschzettel wesentlich bescheidener aus als heute. Wir waren anspruchsloser mit unseren Anliegen.

Eigentlich hatten wir ja keine großen Wünsche, auch in Ermangelung von Medien, die bei uns mit Konsumgütern aller Art Bedürfnisse hätten wecken können. Aber Träume hatten wir als Kinder schon. Ich schwärmte damals von einer Dampfmaschine mit Karbidfeuerung und Zubehörteilen. „Das sind ja drei Teile auf einmal“, sagte Mama und lachte. „Wir werden sehen, was das Christkind dazu sagt“, fügte sie hinzu. Und damals, das schwöre ich, haben wir noch an dass Christkind geglaubt.

 

Heilig Abend standen wir frühmorgens auf. Wir wussten, dass noch etwas Wichtiges zu erledigen war. Ohne das war Weihnachten nicht Weihnachten. Ein Christbaum musste noch her. Das war jedes Jahr das gleiche Ritual. Nach dem Frühstück gingen Papa und Oppa mit uns in den Wald, um ein Tannenbäumchen auszusuchen, das in diesem Jahr die Ehre hatte, festlich geschmückt in unserer Stube zu stehen.

Das war natürlich Männerarbeit. Die Frauen und auch Betti blieben zu Hause und bereiteten das Weihnachtsessen vor.

Also stiefelten wir, allen voran die Männer, durch den bereits verschneiten Winterwald. Wir Jungs versuchten, mit den Erwachsenen Schritt zu halten, was nicht immer ganz einfach war. Bei dem einen oder anderen Bäumchen hielt Papa an, betrachtete es kritisch aus allen Richtungen. Dann schüttelte er den Kopf. Das bedeutete soviel wie, weiter marschieren, weiter suchen nach einem geeigneten Baum.

Schließlich war es so weit. Eine gerade gewachsene Tanne mit gleichmäßigen Zweigen war die Wahl für dieses Fest. Papa nahm die Säge vom Rücken und kurz über dem verschneiten Boden sägte er das Stämmchen ab.

Stolz trugen wir die Trophäe heim. Der restliche Schnee wurde vor dem Haus abgeschüttelt und der Nadelbaum ins Wohnzimmer getragen. Dort stand schon der Christbaumständer. Nach ein paar Mal Schrauben in der Hülse des Gestells lockern, Bäumchen gerade rücken und Schrauben festziehen, stand das Teil kerzengerade im Ständer. Gleich darauf machte sich die ganze Familie ans Schmücken. Kugeln, Figuren aus Holz und Glas, Tannenzapfen, Lametta und einiges mehr wurde liebevoll an die Zweige gehängt. Die Kerzenhalter befestigten wir mit den Klammern auf den kleinen Ästen.

Als alle zufrieden waren, machten wir uns fein für den weiteren Tag. Nach dem Abendbrot gingen wir gemeinsam noch in die Kirche. Es war immer eine feierliche Heilige Messe in dieser Nacht.

Wieder zu Hause angekommen, huschten wir Kinder schleunigst ins Bett, um morgens ausgeruht zu sein.

 

Bescherung war seinerzeit noch am Ersten Weihnachtstag.

In aller Herrgottsfrühe standen mein kleiner Bruder und ich auf, zogen unsere Hosen, einen Pullover und die warmen Puschen an, denn es war kalt im Sauerland. Zentralheizung gab es nicht und der Ofen brannte auch noch nicht lange. Wir schauten, ob wir irgendetwas entdecken konnten.

Der Weihnachtsbaum war geschmückt, wunderschön wie immer und die Kerzen brannten. Wir wunderten uns, dass die Eltern schon auf den Beinen waren, haben uns aber wahrscheinlich nichts dabei gedacht und uns mit unseren Geschenken beschäftigt. Auch Omma sahen wir. Sie hatte Betti fein gemacht für diesen besonderen Tag. Die saß mit Omma neben dem Weihnachtsbaum und packte auch ein Geschenk aus. Eine neue Mütze kam aus dem bunten Papier zum Vorschein. Betti wollte sie sofort aufsetzen und zeigte allen Anwesenden stolz ihre neue Kopfbedeckung. Einigen von uns liefen ein paar Tränen über die Wangen bei diesem Anblick.

 

Natürlich gab es auch von Omma, Tante Barbara, Gisela und den anderen etwas zum Auspacken, aber erst nach dem Frühstück.

Und wie haben wir uns gefreut über die Kleinigkeiten, über die mit Bedacht ausgewählten Geschenke. Wir kannten es ja nicht anders!

Und dann am Nachmittag. Die ganze Familie, Oppa, Omma, Papa, Mama, Tanten, Onkel, wir Kinder, die Nachbarn aus dem Haus, alle saßen wir in der guten Stube und tranken Kaffee. Dort war es mollig warm, weil der gusseiserne Ofen sich mächtig ins Zeug legte.

Nach dem Kaffee war gemeinschaftliches Spielen angesagt. *Mensch Ärgere Dich Nicht* war das Spiel der Wahl. Alle hatten ihren Spaß. Fast alle spielten mit Eifer und Erfolg.

Nur meinem Onkel, dem gefiel das Spiel zunehmend weniger. Immer, wenn er verlor, der große Torwart des ortsansässigen Turn- und Sportvereins, meckerte er. Das ging nur bis zu einem bestimmten Punkt gut. Eine weitere Verlustrunde für ihn ließ ihn wütend werden.

Er nahm da Spielbrett, die Hütchen, die Würfel und warf alles in den brennenden Ofen.

Wir Kinder erschraken über diese Reaktion, schauten uns und die Großen mit fragenden Augen an. Die Erwachsenen haben nichts dazu gesagt.

 

Ich weiß nicht, ob sie damals Rücksicht auf uns Kinder genommen haben.

 

Ich werde sie fragen. Denn ich kann heute noch mit allen reden und das täglich! Und das ist es, was mir Trost gibt und die Hoffnung, sie alle eines fernen Tages wieder zusehen.

Auch mit Betti kann ich jeden Tag sprechen. Sie ist nur wenige Wochen nach ihrem ersten Weihnachtsfest bei Omma gestorben. Ihr kleines Herzchen hat die Energie, den Körper am Leben zu erhalten, nicht mehr aufbringen können.

 

Wir haben sie alle sehr vermisst.


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