Mit Opa im Wald

Das Forsthaus, Mit Opa im Wald, Erinnerungen, Kindheit
Mein Opa, mein kleiner Bruder die hinterhältigeTöle (äähheem, der Jagdterrier) und ich

… es lag in der Mitte der Republik, das kleine Dorf.

 

Dort wo die Gipfel nicht so hoch, wie in den hohen, majestätischen Gebirgen des Südens oder so anmutig, wie die sanften Hügel des Nordens, aber dafür genau so schön wie diese sind.

Am Rande dieses kleinen idyllischen Dorfes lag das alte Forsthaus. Eigentlich war es ja kein typisches Forsthaus. Die haben ja mitten im Wald zu liegen, wie man langläufig annimmt.

Es war aber ein typisches Haus für diese Gegend.

Dort wohnten wir.

 

In einer kleinen Dachwohnung hatten sich meine Eltern, mein Bruder und ich eingerichtet. Unten wohnte der Förster mit seiner Frau. Dieser Mann war ein Förster, wie man ihn sich heute noch vorstellt. Grüner Rock, Bart, zumindest Schnauzer, Flinte auf dem Rücken, Jagdterrier an seiner Seite und wenn er zu Hause saß und seine Jagdzeitung las, lag auch immer eine glimmende Zigarre, an der er ab und an genüsslich sog, auf dem gusseisernen Aschenbecher mit den Jagdmotiven. Ein Bild, das sich seit meiner Jugend in meinem Kopf befindet. Es ist eines von diesen Bildern, mit denen man schöne Erinnerungen verbindet.

 

Und unser Opa, der Förster ging zu jeder Jahreszeit morgens früh in den Wald. Er nahm seine Flinte, hängte sie über die Schulter, so dass der Lauf auf dem Rücken hing und nach oben zeigte. Danach nahm er die Hundeleine von der Garderobe. Diese Bewegung kannte der Hund. Er stand schon winselnd und mit dem Schwanz wedelnd im Flur, in Erwartung dessen, was sich da nun täte. Er war ein Jagdterrier, hieß Purzel. Ein so was von falscher Fuffziger! Sobald jemand ihm die kalte Schulter zeigte, sprich den Rücken zudrehte, fühlte er sich bärenstark, wie ein echter Nachfahre der Wölfe, kam angeflitzt, machte dabei ein Radau wie ein ganzes Rudel Wolfsabkömmlinge, nur nicht ganz so elegant wie diese und zwickte den ahnungslosen Menschen in die Wade. War das nicht link? Aber er traute sich das auch nur, dieses Tier, wenn Opa nicht in der Nähe war. Vor dem hatte er nämlich einen riesengroßen Respekt. Der brauchte nur in seine Richtung schauen, schon war Schwanz zwischen die Hinterbeine einkneifen und ganz unschuldig aus den Augen schauen angesagt.

Uns Kinder hat er mehrmals erwischt. Wir waren noch zu klein, um diesem Untier, das für uns ja schon riesengroß war, Paroli bieten zu können.

 

Mein kleiner Bruder, der kurz davor war, seinen fünften Geburtstag zu feiern und ich, fast sieben Jahre alt, durften oft mit dem alten Grünrock in den Wald. So auch an diesem Morgen. Es versprach ein schöner, sonniger und warmer Maitag zu werden. Mama war wie jeden Tag mit den Hühnern aufgestanden. Sie machte uns unser Butterbrot und unseren Kakao. Wir mampften wortlos, wie jeden morgen unser Frühstück weg und konnten es gar nicht erwarten, mit Opa in den Wald zu kommen. Dieses Ritual war für uns immer wieder etwas Besonderes. Es wiederholte sich häufig, wir empfanden es aber immer wieder ganz ungewöhnlich schön und aufregend, auch für uns, den *Herrschern des Waldes*.

 

Nachdem alle, Opa, der blöde Köter, mein kleiner Bruder und ich bereit waren, ging es los. Ein für unsere kleinen Beine langer Fußmarsch von etwa fünf Kilometern begann. Auf dem ersten Stück des Weges war es für uns Kinder ein Riesenspaß. Wir rannten hin und her und bis zum ersten Hochstand war der Weg für uns mindesten doppelt so lang, wie für Opa und die hinterhältige Töle an der Leine. Das viele hin und zurück laufen hatte seinen Tribut gezollt. Opa hievte erst den Hund, dann meinen kleinen Bruder rauf auf den Hochsitz. Ich war ja schon groß, konnte und durfte die luftigen Höhen allein erklimmen. Von nun an hieß es, ruhig sein und wir Menschen durften nicht mehr niesen, husten, reden, der Hund nicht knurren oder gar bellen. Nur der wunderbare, fröhliche Gesang der Vögel war zu hören. Auch das entfernte Bellen eines Hundes vernahmen wir. Ich habe es noch heute im Ohr, das Zwitschern und Piepen, den Ruf des Kuckucks, der wie in einer Endlosschleife eines Tonbandes durch den Wald hallte, schier gar nicht mehr enden wollend. Das Schimpfen des Eichelhähers, der uns schon entdeckt hatte, ehe wir ihn überhaupt wahrnahmen. Er begleitete uns bis an den Hochsitz und warnte über unseren Köpfen im Geäst eines Baumes sitzend mit seinem Gekreische die anderen Tiere.

Opa legte seine Flinte auf dem Rand der Brüstung des offenen Ansitzes in Anschlag. Ich wusste in diesem Moment nicht, wollte und würde er schießen, wenn sich ein unvorsichtiges Lebewesen zeigen würde oder nicht. Ich kann es vorweg nehmen, er hat an diesem Tag sein Pulver nicht verschossen. Der auf der Brüstung des Hochsitzes liegende geladene Drilling* war also nur Dekoration an diesem Morgen und gab der Situation einen richtig offiziellen Charakter. Opa wusste, wie tierlieb wir beiden Kinder waren und hat daher wohl darauf verzichtet, etwas zu schießen, wie er uns klarzumachen versuchte. Erst viel später erfuhr ich, dass er sowieso nicht hätte schießen dürfen.

 

Im Mai war und ist noch heute nämlich für die meisten Tiere Schonzeit. Auf die meisten Tiere durfte nicht geschossen werden. In der Jagdsprache war und ist das die Setzzeit. Rehböcke, Schmalrehe** und Schwarzwild*** sowie einiges an kleinerem Getier durfte bejagt werden.

 

Als wir Vier dann eine ganze Zeit still auf dem Hochsitz verbracht hatten, brach Opa leise das Schweigen. "Schaut mal, da drüben", er zeigte mit der rechten Hand in die Richtung rechts von uns. Wir schauten neugierig in die Richtung, in die Opas erhobener Arm wies. Dort gab es eine wahrscheinlich durch Windbruch entstandene kleine Lichtung am Waldrand. Hier hatten wir schon häufiger viele Tiere beobachten können. Heute aber war wohl unser Glückstag. Eine ganze Rotte Wildschweine trottete langsam aus dem Wald auf die Lichtung. Sie gruben an dem vom letzten Regen noch aufgeweichten Wegrand, der die Lichtung begrenzte nach Fressbarem. Diese Arbeit verrichteten sie mit ihrer *Steckdosennase*. Nach einiger Zeit sah der Rand der Lichtung aus wie umgepflügt. Was uns Kinder aber besonders freute, waren zwei Bachen mit Frischlingen. Diese tollten die ganze Zeit übermütig und arglos auf der Lichtung zwischen den erwachsenen Tieren herum, quiekten fröhlich und freuten sich des Lebens.

 

Und so verging Stunde um Stunde und wir hatten immer das Gefühl, noch gar nicht so lange im Wald gewesen zu sein. Opa drängte aber dann zum Aufbruch. Der Vormittag war bald vorbei und zu Hause sollte ja pünktlich wie jeden Tag zu Mittag gegessen werden. Auch eines dieser Rituale, die das Leben der Menschen ordnen, so die Meinung von Opa und Oma. Also, Heimweg angetreten, denn auch bei uns Kindern machte sich ein Leeregefühl im Bauch mit einem lauten Knurren bemerkbar. Waldluft macht hungrig, sagte der erfahrene alte Mann immer und er hatte recht damit. Auf dem Weg ins alte Forsthaus trotteten wir neben Opa her. Auf einer Bank wurde eine kurze Rast gemacht, dann ging es nach Hause. Mama und Oma standen schon an der Haustür und begrüßten uns. Mama nahm uns Kinder in den Arm, als hätte sie sagen wollen "schön dass ihr wieder heile hier angekommen seid"

 

All diese Eindrücke und Bilder habe ich tief in meiner Seele verinnerlicht, als schöne Erinnerung an eine Zeit, in der wir als Kinder noch Kinder sein durften.

Oft denke ich an diese Zeit zurück und es sind durchweg positive Erinnerungen. Bilder der Kindheit sind gespeichert und sind wie Blitze plötzlich da, zaubern einem ein Lächeln auf die Lippen. Menschen, die zufällig um mich sind, schauen mich verwundert an und lächeln zurück.

 

Die Gedanken sind bei den Menschen, die zu der Zeit um mich waren, bei meinem Vater, meiner Mutter, meinem Bruder, meiner Oma, meinem Opa, dem Förster. Es gibt heute nur noch einen davon der lebt, meinen Bruder.

 

Reden kann ich aber noch mit allen und das täglich! Und das ist es, was mir Trost gibt und die Hoffnung, sie alle eines fernen Tages wieder zusehen.

 

* Jagdgewehr mit drei Läufen

 

** unbegattetes weibliches Tier im zweiten Lebensjahr

 

*** Wildschweine

 

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