Mein Elternhaus

Elternhaus, Kindheit, schöne Erinnerungen, Oppa, Omma, Papa, Mama
Mein Elternhaus

 

... es lag in einem Dorf in der Mitte der Republik, das Haus.

                                    

Dort wo die Gipfel nicht so hoch, wie in den hohen, majestätischen Gebirgen des Südens oder so anmutig, wie die sanften Hügel des Nordens, aber dafür genau so schön wie diese sind.

 

Es war ein altes Fachwerkhaus von 1797. Solche Häuser haben einfach immer etwas Geheimnisvolles. Davon ist man als Kind überzeugt.

Seit 1880 war das Haus im Besitz der Großeltern meiner Mutter. Sie hatte noch zwei Schwestern, von denen heute auch nur noch die Jüngste lebt. Auch dorthin fahre ich gerne. Es ist auch ein Stück zu Hause für mich dort. In dem Ort, in dem sie wohnt ist nämlich auch die letzte Ruhestätte meiner Eltern.

Dort, in diesem alten Haus von 1797 wurden vor etwa 60 Jahren mein Bruder und ich geboren. Zu Hause, wie es damals üblich war. Es gab eine Hebamme im Dorf und alles andere machte die Natur, wie seit Jahrtausenden, nein seit Millionen Jahren auch. Die Frauen haben sich keine Gedanken darüber gemacht, es war halt so.

 

Vor dem Haus standen 5 Linden, jede mindestens etliche Jahrzehnte alt. Ich denke dabei oft an das alte Volkslied „Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde, vor meinem Vaterhaus steht eine Bank, …“

Vor meinem Elternhaus standen gleich fünf dieser Schatten spendenden Riesen und unter zwei Exemplaren standen Bänke zum Ausruhen, Nachdenken oder einfach nur zum Träumen.

Was war das für ein Brummen und Summen, als diese alten majestätischen Bäume blühten. Ich glaubte früher, alle Insekten der Welt sammelten sich hier an den Ästen, Blättern und Blüten der Lindenbäume. Und dann erst einmal der Duft. Ich habe diesen Duft heute immer noch in der Nase. Wenn ich mir einen Lindenblütentee aufbrühe, riecht es zwar so ähnlich, kommt aber bei Weitem nicht an den intensiven Duft heran, den meine „Festplatte“ seit meiner Kindheit gespeichert hat.

 

Das Haus war ein altes Fachwerkhaus mit Schiefer an der Wand auf der Wetterseite und natürlich auf dem Dach.

An der Vorderseite betrat man die große Deele durch ein gewaltiges zweiflügeliges Holztor, wo im Sommer die hoch mit Heu oder Stroh beladenen Leiterwagen gerade hindurch passten. Diese Fuhrwerke wurden noch von Pferden gezogen.

Oben in den beiden Flügeln des Tores gab es rechteckige Öffnungen als Fenster, durch die die Schwalben, die zahlreich an der Deckenkante auf der Deele ihre kunstvollen Nester aus Lehm und Wasser gebaut hatten, ein- und ausfliegen konnten. Sie brachten immer wieder das Glück ins Haus. Ich habe stets bewundert, dass diese Luftakrobaten in vollem Fluge die doch relativ kleinen Löcher in dieser großen graublauen Holzwand fanden und heil hindurch kamen. Was war das für ein Geschrei, wenn alle Nistplätze fertig und die Jungvögel darin ihren Hunger kundtaten. Die Vogeleltern hatten alle Schnäbel voll zu tun, um den immer hungrigen Nachwuchs satt und groß zu bekommen bis zum Ende des Sommers, wenn der große Flug in den Süden startete und sich wie es schien eine ganze Armee von Tieren auf den Oberleitungen in der Umgebung sammelten für diese lange Reise.

 

Die Menschen hier sorgten mit ihrer Hände Fleiß für ihren Lebensunterhalt, waren aber glücklich, wie mir immer wieder erzählt wurde. Alle standen morgens mit den Hühnern auf, um ihr Tagwerk zu beginnen. Es wurde auf dem Feld, im Stall, im Haushalt oder sonst wo hart gewerkelt. Nach getaner Arbeit saßen Abends alle um einen großen Tisch, wie übrigens auch am Morgen sowie zum Mittagessen und man erzählte sich von seinem Tagesablauf, besprach die Arbeit des nächsten Tages und natürlich kam auch der Spaß nicht zu kurz. Nur sah der anders aus als heute. Die Erwachsenen unterhielten sich miteinander über Dinge, über die sich Erwachsene amüsieren.

Von unserer Omma und von unserem Oppa, erwarteten wir Kinder noch Gute Nacht Geschichten und Märchen vor dem Schlafengehen. Und glaubt mir, es brauchte dafür keine Bücher. Diese Geschichten hatten die Altvorderen alle im Kopf und sie erzählten sie so spannend und unterhaltend, dass wir meistens nicht einschliefen und noch eine Zugabe forderten! Und wir erhielten sie, diese Bonusgeschichte. Bewundernswert, diese Ruhe und Gelassenheit, ja Liebe der Altvorderen!

Unser Oppa ist nur leider viel zu früh heimgegangen. Es war krank und als ich 3 Jahre alt war, wurde mir gesagt: „Oppa ist jetzt im Himmel“. Ich kann mich kaum an ihn erinnern. Nur eines habe ich bis heute nicht vergessen. Ich saß auf seinem Schoß, er schaukelte mich, wippte mit den Beinen auf und ab und er sang dazu: „Hoppe, Hoppe Reiter, wenn er fällt dann schreit er…“

 

Mir treibt es jetzt immer noch die Tränen in die Augen, wenn diese Bilder und diese Melodie wie Blitze durch meinen Kopf schießen. Es ist, als ob einem ein Stück von sich selbst abgetrennt wird.

Omma, der ich nun umso intensiver am Rockzipfel hing, hat das alles, für mich unmerklich, kompensiert und ausgeglichen mit ihrem friedlichen, liebevollen, warmen, herzlichen und mütterlichen Wesen.

 

Bilder von Omma und Oppa hängen mir gegenüber an der Wand!

 

Auch mit ihr, meiner Omma und Oppa kann ich heute noch reden und das täglich! Und das ist es, was mir Trost gibt und die Hoffnung, die beiden eines fernen Tages wieder zu sehen.

 

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