Ferien bei Omma

Mein Elternhaus
Mein Elternhaus

 

… es lag in einem Dorf in der Mitte der Republik, das Haus.

Dort wo die Gipfel nicht so hoch, wie in den hohen, majestätischen Gebirgen des Südens oder so anmutig, wie die sanften Hügel des Nordens, aber dafür genau so schön wie diese sind.

Hurra!!! Endlich Ferien und ab zu Omma…

Große Ferien im Sommer, das waren sechs ganze Wochen im Sauerland bei Omma. Die Vorfreude war jedes Jahr riesengroß und ich habe die Wochen, dann die Tage und am letzten Tag noch die Stunden gezählt. Nur noch einmal schlafen und dann mit Mamma und dem kleinen Bruder ab zum Bus und hin zur Omma, wie wir dort zu betonen pflegten.

„STOCKHAUSEN“ rief der Schaffner. Noch knapp zwei Kilometer, drei Haltestellen weiter und dann war es soweit. Omma stand schon vor dem Haus, als der Bus an der Haltestelle hielt, die genau unterhalb des Hauses an der Bundesstraße lag.
Mamma musste die Taschen schleppen, aber sie war ja auch schon erwachsen. Mein Bruder und ich liefen schon mal vor, den Weg zum Haus hinauf und geradewegs in Ommas Arme. Ich wollte sie gar nicht wieder hergeben, meine Omma, als hinter uns eine Stimme erklärte: „Hallo, jetzt bin ich aber auch mal dran, ihr habt doch noch sechs Wochen Zeit“. Es war unsere Mamma.
Also, Omma loslassen, nicht ohne vorher noch einen dicken Schmatzer als Lösegeld von der allerliebsten Omma der Welt zu erpressen und weiter.
Denn da waren ja noch die anderen im Haus, die auch schon auf uns warteten. Alle wollten uns herzlich willkommen heißen und wir wollten auch allen guten Tag sagen. Da war Tante Barbara, Mutters jüngere Schwester, Tante Berni, die jüngste der drei Schwestern vom Hoff, die wir, weil sie so hübsch war „Zückerchen“ nannten. Ich glaube heute, es schmeichelte ihr und sie hat es genossen.

Daneben gab es noch weitere langjährige Bewohner des alten Bauernhauses von 1796, die schon ein Teil unserer Familie geworden waren. Auch die Mitglieder dieses Clans ließen es sich nicht nehmen, uns zu begrüßen. Gisela war mein Lieblingsclanmitglied, natürlich neben Tante G. und Onkel G., den Eltern von Gisela, ihrer Schwester Waltraud und ach, ist das schon lange her, der Name der dritten Tochter fällt mir nicht mehr ein. Oder war es ein Sohn, verflixte Festplattenkorrosion.

So, nach diesem Begrüßungsritual erst mal alles hier auf Neuigkeiten abchecken. Was gab es für neue Tiere? Was machten die alten Viecher? Was wuchs im Garten und was konnte man davon gleich konfiszieren? Es schmeckte ja fast alles auch roh, nur die grobe Erde weg, ab in den Mund und weiter zur Verdauung. Es knirschte fürchterlich zwischen den Zähnen.

Wie stand es um den Appelbaum mit dem ziemlich waagerechten unteren Ast auf der Wiese hinterm Haus, auf den ich nun erst mal klettern musste, um wie ein Indianer mit der Hand über den Augen das ganze Stammesgebiet gründlich zu prüfen.

Und dann natürlich das Wichtigste! Der Magen knurrte nach der langen Reise und Omma hatte sicher schon, wie immer, Butterbrote geschmiert. Also, zurück zum Haus, nur laut rufen und oben ging ein Fenster auf. Ein Korb kam zum Vorschein, der an einer Leine festgemacht war. Mit dieser für uns Kinder sensationellsten Konstruktion seit der Erfindung des Rades ließ Omma unsere Butterbrote vom Küchenfenster auf einen Sims unterhalb herab. Dieser war gerade so niedrig, dass ich den Korb mit seinem leckeren Inhalt erreichen konnte.
Darin lag ein großer Teller mit geschmierten Butterbroten. Es gab frisches Kassler (im Westen der Republik als Brot bekannt, im Norden heißt das Feinbrot, hier in Osnabrück glaube ich Berliner) mit guter Butter und Rübenkraut.
Ich hab schon wieder ‘ne Pfütze im Mund beim Schreiben! In der kalten Jahreszeit schmeckt das ebenso gut mit Schweineschmalz statt guter Butter darunter.
Die Hälfte des eigentlich dickflüssigen, im Sommer wegen der Temperatur besonders dünnen Sirups war schon von den Broten herab auf den Teller emigriert. Das musste dann mit der Zunge abgeleckt werden. Hmmm, köstlich. Übrigens für Rübenkraut auf frischem Brot lass ich vieles stehen, heute noch. Dazu muss dann noch Kakao mit frischer Vollmilch. Perfekt!

Wenn es Abend wurde, saßen wir alle in der großen Küche und Omma erzählte uns Geschichten. Diese steckten alle in ihrem Kopf und sie brauchte dabei nicht in ein Buch zu schauen. Auch Oppa kam in diesen Erzählungen vor. Er war schon seit einigen Jahre im Himmel, wie sie immer zu sagen pflegte. Ich kann mich kaum an ihn erinnern, war ich doch erst knapp drei Jahre als, als er starb.

Die folgenden Tage vergingen wie im Fluge.

Wenn Onkel G. in den Wald ging, durfte ich ihn begleiten. Er nahm seinen Gehstock, den er aus einem dickeren Ast eines Haselnussstrauches geschnitten und mit einem Messer kunstvoll verziert hatte. Nun ging es los in den Forst. Er hat mir den ganzen langen Weg erklärt, was links und rechts zu sehen war. Auch im Wald lauschte ich gespannt und aufmerksam seinen erläuternden Worten. Er verstand es, mir alles bildlich begreiflich zu machen. Ich habe ihn sehr gemocht.
Im darauf folgenden Jahr sollte er nicht mehr leben. Er war im Wald gestorben, friedlich, sitzend an einen Baum gelehnt eingeschlafen, ein Lächeln im Gesicht, wie ich später erfuhr.
Ich war sehr traurig.
Die Sommerferien hatten ab da ein festes Ritual weniger und ich musste ohne ihn in den Wald gehen.

Aber auch mit ihm, Tante G., Tante Barbara, Mamma, Omma und Oppa kann ich heute noch reden und das täglich! Und das ist es, was mir Trost gibt und die Hoffnung, sie alle eines fernen Tages wieder zu sehen.

 

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