Endlich Winter

Winter, Schnee, Forsthaus, Kingheitserinnerungen

… es lag in der Mitte der Republik, das kleine Dorf.

 

Dort wo die Berge nicht so hoch wie die hohen, majestätischen Berge des Südens oder so anmutig wie die sanften Hügel des Nordens, aber dafür genau so schön wie diese waren.
Am Rande dieses kleinen idyllischen Dorfes lag das alte Forsthaus. Eigentlich war es ja kein typisches Forsthaus. Die haben ja mitten im Wald zu liegen, wie man langläufig annimmt.

Es war aber ein typisches Haus für diese Gegend.

Dort wohnten wir.

 

In einer kleinen Dachwohnung hatten sich meine Eltern, mein kleiner Bruder und ich eingerichtet. Unten wohnte der Förster mit seiner Frau. Dieser Mann war ein Förster, wie man ihn sich heute noch vorstellt. Grüner Rock, Bart, zumindest Schnauzer, Flinte auf dem Rücken, Jagdterrier an seiner Seite und wenn er zu Hause saß und seine Jagdzeitung las, lag auch immer eine glimmende Zigarre, an der er ab und an genüsslich sog, auf dem gusseisernen Aschenbecher mit den Jagdmotiven. Ein Bild, das sich seit meiner Jugend in meinem Kopf befindet. Es ist eines von diesen Bildern, mit denen man schöne Erinnerungen verbindet.

 

  Über Nacht war es Winter geworden, auf leisen Sohlen war er gekommen. Mit allem was dazu gehörte. Dunkelheit, Schnee, Frost, ungewöhnlich früh in dem Jahr. Als ich aus dem Fenster schaute, lachte ich und rief: „Hurra, es hat geschneit. Schneeballschlachten, Schlitten fahren, Schneemann bauen, endlich, es hat geschneit. Toll.“

Wir hatten es in den letzten Tagen schon wahrgenommen, das mit dem Winter. Väterchen Frost zauberte abends und in der Nacht Eisblumen an die Fenster, die nur einfach verglast waren. Wir Kinder bestaunten diese kleinen fragilen Kunstwerke, die uns die Eiseskälte ans Glas malte. Mit unseren kleinen Fingern zogen wir Figuren und Buchstaben in die gefrorene Pracht. Es zeigte uns doch, es wurde kälter.

Leise rieselten immer noch die Flocken vom tiefgrauen trüben Novemberhimmel. Es sah auch nicht danach aus, als wolle es irgendwann aufhören mit der weißen Pracht. Frau Holle hat sich mächtig ins Zeug gelegt. Draußen war alles zugedeckt, wie mit einer weißen Decke. Mir war so, als versteckten sich die Bäume und Büsche unter dieser Pracht, weil sie sich schämten, nicht so schön zu sein im Winter.

Aber bevor wir, mein kleiner Bruder, die Nachbarskinder und ich, das weiße Vergnügen genießen konnten, rief die Pflicht und einige von uns mussten zur Schule. Im Klassenzimmer brannte bereits das Feuer in dem alten gusseisernen Ofen, von dem ich bereits berichtet habe und verbreitete eine angenehme Wärme in dem kleinen Raum. Es war ein wohltuendes Gefühl, denn die Kälte und Nässe war uns auf unserem Fußmarsch zur Schule durch unsere Kleidung bis auf die Haut gekrochen.

Warme Kleidunghalf dagegen. Wir trugen Hosen und darunter lange Wollstrümpfe mit Haltern am Leibchen. Sah unheimlich sexy aus. Kurze oder knielange Hose mit Wollstrümpfen darunter. Weit schlimmer als der Anblick war aber das Empfinden beim Tragen dieser wollenen Strümpfe. Dabei muss man wissen, weiche *Cool Wool* wie heute gab es damals noch nicht. Wolle war damals Wolle und hatte gefälligst zu kratzen. Dies tat sie auch und das in einer äußerst unangenehmen Art und Weise. Mir krabbelt heute noch eine Gänsehaut von den Füßen bis hoch zur Schulter, wenn ich daran zurückdenke. Besonders schlimm war es bei großen Temperaturwechseln. Kam man also aus dem Haus ins Freie, Strümpfe kratzen ohne Ende, aus der Kälte in die Wärme, genau die gleiche Empfindung auf der Haut. Diese Wolle, sie kratzte!

Während des Unterrichtes war ich nicht bei der Sache. Immer wieder schaute ich aus dem Fenster nach draußen, war abwesend und wurde durch die Pausenglocke plötzlich und unsanft in die Realität zurückgeholt. Also, warme Jacke an und raus auf den Schulhof. Die ersten Schneebälle flogen mir schon um die Ohren, als ich aus der Tür trat. Es gab zwei Fraktionen in der Pause auf dem Schulhof, der eigentlich kein herkömmlicher Schulhof, sondern ein riesiges Freigelände mit allem war, was man sich als Kind nur wünschen konnte. Es gab Bäume, Sträucher, Gerüste zum Klettern, Bänke zum Sitzen und miteinander reden, auch zum Innehalten, Ecken zum Ballspielen und Vieles mehr. An dem Vormittag war aber alles unter der weißen Pracht versteckt.

Zurück zu den zwei Gruppen.

Die eine, wesentlich größere Anzahl der Schüler und Schülerinnen, war mit einer Schneeballschlacht beschäftigt. Der Bewegungsdrang kannte kein Ende und Schneebälle flogen hin und her, kreuz und quer, und wer sich nicht schnell genug duckte oder zur Seite sprang, bekam so einen weißen Ball ab. Und je nachdem, wie fest der Werfende die Kugel geformt hatte und wohin einen das Teil traf, tat es auch schon mal ein bisschen weh. Aber ein Indianer kennt keinen Schmerz, Zähne zusammengebissen und weiter. Ich gehörte zu der nicht angepassten Minderheit, die einen Schneemann baute. Wir rollten mit zwei oder drei Jungs, und irgendein Mädchen war auch immer dabei, die dicken Ballen durch den Schnee vor uns her, bis wir der Meinung waren, das ist jetzt groß genug für das Unterteil, das Mittelteil oder den Kopf. Wenn wir dann mit Hilfe des Lehrers die einzelnen Rollen des werdenden Schneemannes übereinander gewuchtet hatten, kam der künstlerische Teil. Der Mann in Weiß sollte ja einen möglichst lebendigen Eindruck machen.

Erst einmal bekam er einen Reisigbesen an die Seite gestellt, ein wenig eingedrückt und dadurch befestigt in dem unteren Drittel des weißen Mannes. Dann eine Mütze aufgesetzt und einen Schal umgebunden, damit er nicht fror. Einer von uns musste in den sauren Apfel beißen und bis zum Schulschluss auf Mütze und Schal verzichten. An dem Tag war ich dran. So, nun nur noch den Gesichtsausdruck. Zwei Kohlen aus der Schule, lagen ja beim Ofen, für die Augen und drei Stück für die Knöpfe an der Brust und am Bauch und eine Möhre als Nase machte schon mal das halbe Gesicht. Für den freundlichen Gesichtsausdruck mit einem lächelnden Mund sorgte dann eine halbrunde Scherbe eines rötlichen, zerbrochenen Blumentopfes aus Ton, die der Herr Lehrer besorgte. Wir waren noch höflich und gut erzogen. Für uns waren es noch der Herr Lehrer oder die Frau Lehrerin. Schön sah er aus, unser neuer Mitschüler, bis zum nächsten Tauwetter.

 

Als es zur zweiten großen Pause klingelte, gegen zwölf Uhr, hatten unsere beiden Lehrer und die Lehrerin, mehr gab es an unserer Dorfschule nicht, ein Einsehen und wir durften nach Hause. Schneefrei, nannten sie und wir es. Und, das Wichtigste, Hausaugaben bekamen wir keine auf an diesem Tag.

Also, Schulranzen gepackt, warme Jacke an, Mütze und Schal vom Schneemann geholt und ab nach Hause. Obwohl wir früher zu Hause waren, war das Mittagessen fertig. Ob Mama hellsehen konnte? Klamotten aus, nur kurz das Essen hinuntergeschlungen, dann wieder warm anziehen und raus.

Über dem Forthaus gab es einen abschüssigen Weg. Ein schmaler Weg durch ein Lärchenwäldchen. Dies war unsere Rodelbahn. Und wer unten in der Kurve nicht aufpasste, landete im Gartenzaun des Forsthauses. Gefroren haben wir nicht. Ich weiß nicht, wie viele Male wir an diesem Nachmittag den Schlitten den Berg heraufgezogen haben und heruntergerodelt sind. Ich habe es nicht gezählt.

Ich kann aber meine Mutter oder meine Oma mal fragen. Sie wissen es sicher noch genau. Mama hatte nämlich ein gutes Gedächtnis. Immer wenn ich sie etwas gefragt habe, bekam ich eine Antwort. Sie sagte immer: „Es gibt keine dummen Fragen, mein Schatz. Es gibt nur seltsame Menschen, die dumm antworten!“ Das habe ich mir für mein weiteres Leben hinter die Ohren geschrieben.

 

All diese Eindrücke und Bilder habe ich tief in meiner Seele verinnerlicht, als schöne Erinnerung an eine Zeit, in der wir als Kinder noch Kinder sein durften.

Oft denke ich an diese Zeit zurück und es sind durchweg positive Erinnerungen. Bilder der Kindheit sind gespeichert und sind wie Blitze plötzlich da, zaubern einem ein Lächeln auf die Lippen. Menschen, die zufällig um mich sind, schauen mich verwundert an, lächeln aber freundlich zurück.

 

Die Gedanken sind bei den Menschen, die zu der Zeit um mich waren, bei meinem Vater, meiner Mutter, meinem Bruder, meiner Oma, meinem Opa, dem Förster. Es gibt heute nur noch einen davon der lebt, meinen Bruder.

 

Reden kann ich aber noch mit allen und das täglich! Und das ist es, was mir Trost gibt und die Hoffnung, sie alle eines fernen Tages wieder zusehen.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Christoph (Sonntag, 14 Dezember 2014 11:47)

    hast Du das geschrieben werter Cousin?
    Es lässt Bildet in mir aufsteigen! Wir leben offensichtlich in einer gemeinsamen Welt
    Die Marke der Zigarre war " Handelsgold" und am späten Vormittag gab es einen Korn, kredenzt von der Stief-Grossmutter
    LG
    Christoph