Weihnachtsbesuch

Wie Golden Retriever Ole eine „Nachsuche der besonderen Art“ mit Bravour meisterte

 

   Von Oscar Wolff

Weihnachten 2012


Zu Beginn einer Geschichte muss der Leser aufgeklärt werden, mit wem er es zu tun hat. Wir wohnen in der Lüneburger Heide in der Nähe von Bispingen. Ich bin schon etwas älter und lebe auf einem großen Grundstück mit einem kleinen Häuschen. In meinem Garten stehen viele Obstbäume und eine Allee mit 13 Linden, die in jedem Jahr für viel Laub sorgen.
Jetzt stelle ich den Hauptakteur dieser Weihnachtsgeschichte vor. Er heißt Ole, weil er in Dänemark geboren ist. Seine Rasse heißt Golden Retriever. Er hat alle Prüfungen absolviert, die er als guter Jagdhund braucht. „Unser“ Ausbilder war ein sehr sachkundiger und einfühlsamer Förster aus dem Forstamt Sellhorn. Ole bestand den Wesenstest, in dem er beweisen musste, dass er vor nichts Angst hat. Jagdgebrauchshundprüfungen und die Zuchtzulassung hat er auch. Golden Retriever sind Apportierhunde.
Der Name kommt aus dem Englischen und heißt übersetzt etwa „goldener Zurückbringer“. Sie schleppen wirklich alles an, was sie für wichtig erachten. Das kann ganz schön nerven. Aber je mehr man mit ihnen übt, desto besser unterscheiden sie zwischen Spiel und ernsthafter Arbeit. Nun ist auch für alle klar, dass ich ein Jäger bin.
Da ich Ole nicht im Zwinger halte, sondern im Haus, kam er auch oft mit Gästen in Kontakt. Das nutzte ich aus, um spielerisch seine Apportierfähigkeiten zu fördern.
Das waren Spiele, die ihm große Freude bereiteten. Dem Besuch setzte ich dann eine Mütze auf uns sagte zu meinem Hund: „Ole, wo ist die Mütze?“ und zeigte auf sie. Daraufhin kletterte er auf das Sofa oder den Sessel, auf dem die Gäste saßen, und nahm den Betreffenden die Mütze vom Kopf. Oft hafteten auch einige Haare daran. Das Ganze spielte sich natürlich ab unter großer Freude der Beteiligten. Manchmal auch nicht …

Nun kann der geneigte Leser sich doch ein viel besseres Bild von uns machen und vielleicht feststellen, dass mein Hund und ich auch nicht alles allzu ernst nehmen. Vielleicht harmonieren wir darum so gut. Das alles muss ich erst berichten, damit diese Weihnachtsgeschichte „rund“ wird.
Voriges Jahr hatte sich bei mir zu Weihnachten Besuch aus Hamburg angekündigt. Eine Familie mit zwei Kindern. Er ist ein Jagdfreund. Die beiden Kinder waren sechs und sieben Jahre alt. Junge und Mädchen. Wir wollten uns zwei schöne Tage machen. Gut essen und trinken und einen langen Spaziergang in die Heide unternehmen. In der Zeit hatte es sehr viel geschneit. Der Schnee lag etwa 15 Zentimeter hoch und es herrschten Frostgrade.

Mein Besuch kam am Morgen des Tages vor Weihnachten an. Eine Gans mit allen Zutaten hatte ich vorbereitet, die wir mittags gemeinsam verspeisen wollten. Die Familie meines Jagdfreundes entpuppte sich als gute Esser. Sie hatten keinerlei Ambitionen in Bezug auf vegetarisches Essen. Nach der Mahlzeit zogen wir Erwachsenen uns in das Wohnzimmer zurück und ließen Ruhe einkehren.

Die Kinder und auch Ole, die sich in atemberaubend kurzer Zeit angefreundet hatte, waren draußen im Schnee und spielten offensichtlich zusammen. Unsere Mittagsruhe währte nicht lange. Wir hörten schrille Begeisterungsschreie. Im stillen Einverständnis erhoben wir uns und gingen über den Korridor zu den Außenfenstern. Im Vorgarten spielten sich tolle Szenen ab. Ole jagte hinter den beiden Kindern her und versuchte, sie zu stoppen. Das klappte aber nicht immer. Also sprang er sie an, Pfoten auf die Schulter und nahm ihnen die Mütze ab. Dann mit der Mütze im Fang um die Kinder herum und dabei auch noch laut vor Begeisterung bellend – trotz Mütze. Irgendwann ließ er sich stellen und gab seine Beute her, wie gelernt.

Was dann aber folgte, brachte uns doch zum Erstaunen. Die Kinder sagten zu meinem Hund: „Ole, sitz!“, das tat er auch. Dann nahmen sie eine Mütze, setzten
sie ihm auf den Kopf und banden sie mit einem Schal fest. Was jetzt kam, konnten wir kaum glauben. Aber wir sahen es ja.

Mit Mütze und Schal

 

Nun waren die Kinder hinter Ole her, nachdem sie ihn losgeschickt hatten. Nun lief mein „verrückter“ Hund mit einer Mütze und einem Schal um den Kopf vor den Kindern her, die versuchten, ihn zu stellen. Das Ganze ging über eine längere Zeit. Irgendwann schritt ich ein und machte ein Ende. Hund hechelte, Kinder hechelten, aber sie hatten ein tolles Spiel gespielt. Im Wohnzimmer war es mittlerweile sehr gemütlich. Im Kamin brannte ein schönes Feuer, der Weihnachtsbaumstand in der Ecke, wie es zu Weihnachten ja sein sollte. Am frühen Abend war dann Bescherung. Alle wurden bedacht. Es war alles vorhanden, was Kinderaugen erstrahlen ließ.
Die Erwachsenen waren auch zufrieden, mein Hund bekam einneues Führgeschirr und ganz viele Tüten mit Leckerli.

Nach der Bescherung trat Ruhe ein. Weihnachtliche Musik im Radio, dezentes Schnarchen im Hintergrund, das war Ole. Die Kinder saßen unter dem Weihnachtsbaum und wurden immer stiller. Nach diesem turbulenten Nachmittag und den tollen Spielen im Schnee mit Ole waren die Beteiligten müde. So müde, dass die Kinder ins Bett getragen werden mussten. Sie schienen im Schlaf noch zu lächeln.

Für den nächsten Vormittag war ein Heidespaziergang geplant. Nach einem guten und reichhaltigen Weihnachtsfrühstück sollte es losgehen. Unsere Schuhe waren eingefettet, Handschuhe und Jacken und alles andere waren dem Wetter beziehungsweise dem hohen Schnee bestens angepasst. Für meinen Hund hatte ich ein Fläschchen mit Olivenöl in der Jackentasche. Mit meinem geländegängigen Wagen fuhren wir nach Niederhaverbeck auf den Parkplatz, von dem aus es in die Heide ging. Dort nahm ich das Fläschchen mit dem Öl aus der Tasche und massierte es meinem Hund zwischen die Ballen an seinen Füßen. So wurden die Haare dort ölig und konnten keinen Schnee annehmen. Wenn man es nicht tut, lassen sich Hunde gern nieder und beißen den Schnee zwischen den Ballen heraus. Das gibt ganz schnell blutige Pfoten. Aber das sollte ja verhindert werden.
Meine Bekannten waren sehr begeistert von der Heidelandschaft im Schnee. So ganz einfach war das Laufen gar nicht. Nach relativ kurzer Zeit wurde mein Rücken auch noch feucht. Öfter blieb ich dann stehen und erklärte meinem Jagdfreund und seiner Frau die Umgebung und machte sie auf Besonderheiten der Heide aufmerksam. Mit Rücksicht auf die Kinder und meinen feuchten Rücken, von dem ich aber nichts sagte, ging es langsam voran. Mein Ole ging neben mir an der Leine, da es im Naturschutzgebiet, in dem wir uns befanden, verboten war, Hunde frei laufen zu lassen. Ab und zu erneuerte ich das Öl an Oles Pfoten; bisher hatte sich kein Schnee aufgebaut.
Kurz vor dem Wilseder Berg sahen wir Fährten den Weg kreuzen. Das war Rotwild, also Hirsche. Mein Bekannter war sofort Feuer und Flamme, weil er so etwas in seinem Bereich nicht sehen kann. Und so fingen wir an, die Fährten zu lesen. Das war gar nicht so einfach wegen des hohen Schnees. Nach einer ganzen Weile kamen wir zu der Meinung, dass es sich um die Fährten eines Alttiers mit zwei Schmaltieren handeln müsse. Also einer Hirschkuh mit ihren Zwillingen aus dem gleichen Jahr. Mein Ole fand das auch sehr interessant und zog an der Leine, um sich mehr entfalten zu können. Dazu sollte er aber bald genug Gelegenheit haben.

Wir hatten uns sehr viel Zeit genommen, um diese wichtigen Zeichen unserer vielfältigen Tierwelt in unserer Heide zu deuten. Die Frau meines Freundes brachte uns schließlich in die Jetztzeit zurück. Und zwar mit dem Aufschrei: „Wo sind die Kinder?“. Sie waren weg! Einfach weg. Ich hatte ein ganz schlechtes Gewissen. Bei aller Fachsimpelei hatte ich maßgeblich dazu beigetragen, dass die Kinder vernachlässigt wurden. Sie hatten die Gelegenheit genutzt und sich selbstständig gemacht.

Nun wurden wir natürlich aktiv und überlegten, wohin sie verschwunden sein könnten. Wir kamen aber zu keiner Lösung. Erst einmal riefen wir ganz laut, bekamen aber keine Antwort. Nun wollte ich ihren Spuren folgen. Das war so gut wie unmöglich, denn in dem hohen Schnee hatten wir alles zertrampelt und konnten keine Spur der Kinder entdecken. Also ging ich mit meinem Besuch ein Stück des Weges zurück und entdeckte auch die Stelle, wo die beiden Kleinen den Weg verlassen hatten. Die Spur der Kinder führte direkt in die hohe Heide. Aber sie verlor
sich ganz schnell. Heide hat nämlich die Eigenschaft, eine zu hohe Schneelast einfach abzuschütteln, wenn die Zweige zu sehr belastet werden. Das hat zur Folge, dass Spuren nicht mehr zu erkennen sind. Am Ende meines Lateins erinnerte ich mich daran, dass wir ja einen Spezialisten bei uns hatten. Meinen Hund.

Der Besuch wurde natürlich immer aufgeregter und ungeduldiger. Sie wollten schon die Polizei über Funktelefon alarmieren. Ich konnte sie erst einmal beruhigen, nachdem ich ihnen erklärte, was ich vorhatte. Mittlerweile brachte ich den Hund auf die Spur der Kinder, genau dort, wo sie sich in der hohen Heide auflöste. Jetzt fing es ausgerechnet auch noch so stark an zu schneien, dass man die Hand nicht mehr vor Augen sah. Das ist nur eine Redensart. Aber es war so schlimm. Der Wind kam aus der Richtung, in die sich die Spur der Kinder verlor. Das war ein Glück für uns.

Um das Verbot, keine Hunde in der Heide laufen zu lassen, kümmerte ich mich jetzt nicht, da Ole nun jagdlich unterwegs war. Zwar auf etwas andere Art und Weise, aber das war mir egal. Ole brauchte keine Spur oder Fährte, sondern verließ sich nur auf seine Nase. Da er ja den Geruch der verschwundenen Kinder zur Genüge durch das heftige Spielen in der Nase hatte, schnallte ich ab, das heißt, ich ließ ihn von der Leine und schickte ihn los mit den Worten: „Ole, bring Apport! Wo sind die Kinder?“. Grammatikalisch nicht ganz einwandfrei, aber so kannte er es.

Im Augenblick war mein Hund der einzige Hoffnungsbringer. Er enttäuschte uns auch nicht. Nachdem er mit hoher Nase die Witterung der Kinder aufgenommen hatte, verschwand er in der Heide und ward nicht mehr gesehen. Nach einer ganzen Weile
vernahmen wir ein entferntes Bellen. Ole hatte die Kinder gefunden. Da der Wind auf uns zu stand, konnten wir sein Bellen hören.

 

Wie ein Hütehund


Was sich da in ungefähr vierhundert Metern Entfernung abspielte, konnte ich mir etwa vorstellen. Da Ole die Kinder ja nicht apportieren konnte, hatte er sie laut bellend, wie ein Hütehund, zusammengetrieben und brachte sie zu uns zurück. Als die beiden Kleinen in unsere Sichtweite gelangten, fingen sie vor lauter Freude an zu schreien und waren glücklich, wieder bei uns zu sein. Nachdem sie geherzt und vor lauter Begeisterung auch geküsst wurden, erinnerte man sich auch an meinen Hund. Er war ja derjenige, der die Kinder gefunden hatte.
Nun wurde Ole von den Kindern geherzt und geküsst, was er sich mit Begeisterung gefallen ließ. Viele Leckerlis verschwanden in seinem Maul, denn die hatte ich vorsorglich mitgenommen.
Auf dem Rückweg zum Auto sah ich meinem Hund irgendwie an, dass er mit sich zufrieden war. Er schien seinen Kopf höher zu tragen.

Am Nachmittag dieses ereignisreichen Tages fuhr mein Besuch wieder nach Hause. Den Kindern musste ich versprechen, dass sie und ihre Eltern im nächsten Jahr zu Weihnachten wieder bei mir und vor allem bei Ole zu Gast sein durften. Sie freuten sich schon auf neue Abenteuer mit ihm.