Ostereier – auf etwas andere Art gesucht

Wie der Golden-Retriever-Jagdhund Ole einer Familie beinahe die Festtagsfreude verdorben hätte

 

Von Oscar Wolff
Ostern 2011


   Ostern vor einem Jahr ist mir eine sonderbare Sache passiert. Und die will ich jetzt einmal erzählen.
   Zunächst aber ein paar Worte zu meiner Person: Etwas älter bin ich schon, so zwischen 60 und 70 Jahre. In der Lüneburger Heide in der Nähe von Bispingen ist mein Zuhause. Auf einem großen Grundstück mit vielen Obstbäumen, die ich alle selbst gepflanzt habe, steht mein kleines Haus.
   Dort wohne ich mit meinem vierbeinigen Jagdfreund namens Ole. Einige Leser kennen ihn vielleicht noch aus der jüngsten Weihnachtsgeschichte. Er ist ein Golden Retriever, ausgebildeter Jagdhund und ein ganz kerniger Bursche.

   Ole ist absolut schussfest und ein Ass beim Apportieren. Das ist seine große Spezialität. Alles, was er in seinem Fang tragen kann, bringt er mir. Aber, eines muss ich erwähnen: Er hat auch viel Unsinn im Kopf. Böse Zungen behaupten, dass wir gut zusammenpassen würden. Liebend gern zeigt mein Hund, was er alles kann. Zum Beispiel nach einer Treibjagd, wenn alle Jäger auf Strohballen um ein Feuer sitzen, ein Kasten Bier in der Nähe steht, sage ich zu ihm: „Geh, Ole, hole mir ein Bier!“ Dann läuft er los zum Bierkasten, packt ganz vorsichtig mit hochgezogenen Lefzen eine Flasche Bier und bringt sie mir. Natürlich unter dem Beifall der anderen Jagdteilnehmer. Wie oft er das für mich macht, bleibt natürlich mein Geheimnis.
   So, nun aber endlich zu meiner Ostergeschichte.
 Im vergangenen Jahr war ich bei guten Bekannten eingeladen. Zum Osterfrühstück sollte ich um 10 Uhr kommen. Natürlich mit meinem Hund. Sie haben drei Kinder im Alter von vier, sechs und acht Jahren. Höflichkeitshalber, denn Ablehnen gab es nicht, sagte ich zu, am Osterfrühstück teilzunehmen. Familien mit drei Kindern in diesem Alter bedeuten Stress für mich. Ich bin es einfach nicht gewohnt, mit lauten Kindern längere Zeit zu verbringen. Das verursacht mir nach spätestens zehn Minuten heftige Kopfschmerzen. Nun war aber nichts mehr daran zu ändern, und ich sah diesem Termin positiv entgegen. Als es nun soweit war und wir losfahren mussten, sagte ich mit erhobenem Zeigefinger zu meinem Hund: „Ole, benimm dich ja anständig!“
   Die Frau meines Bekannten, er ist ein guter Jagdfreund, hatte mir bei der Einladung gesagt, dass sie alle Ostergeschenke für die Kinder und auch für mich schon vor dem gemeinsamen Frühstück in ihrem großen Garten verstecken wollte. Nach dem Frühstück sollten wir alle in den Garten gehen und die Kinder beim Suchen ihrer Ostergaben beobachten. Und ich sollte auch versuchen, mein Geschenk zu finden. Selbstverständlich waren wir pünktlich und betraten das Grundstück durch die Gartenpforte. Die Hausfrau erwartete uns bereits.

Verdrücken ging nicht

   Nachdem wir uns begrüßt hatten, bat sie mich, den Hund draußen zu lassen. Sie machte sich Sorgen, dass Ole eventuell Bakterien oder Ähnliches ins Haus schleppen könnte, was nicht gut für ihre Kinder wäre. Das musste ich natürlich akzeptieren. Außerdem war das Grundstück ja abgeschlossen, sodass er sich so leicht auch nicht verdrücken konnte. Denn, wenn ich nicht aufpasse, ist er gern einmal für ein Stündchen verschwunden, um die Gegend zu erkunden oder mit einer gut riechenden Hündin, egal welcher Rasse, anzubändeln.
Das Frühstück war ausgezeichnet und auch sehr reichhaltig. Es gab sogar Rühreier mit kross gebratenen, durchwachsenen Speckscheiben. Dazu Schwarzbrot mit Butter. Gut, dass ich diese Sachen nicht jeden Tag essen muss, denn dann würde ich bald aus allen Nähten platzen. Und, was mir ganz besonders gefiel, die Kinder waren gut erzogen und machten keinen Lärm während des Frühstücks. Ich bekam auch keine Kopfschmerzen.
   Nachdem wir gut gegessen und auch interessante Gespräche geführt hatten, fing ich an, unruhig zu werden, meinte, nach meinem Hund schauen zu müssen. Außerdem wurden die Kinder ungeduldig und wollten endlich nach draußen in den Garten und nach den Ostergaben suchen.
   Das war mir sehr recht, denn so hatte ich meinen Ole besser unter Kontrolle.

Zum Abräumen der Osterfrühstückstafel war keine Zeit mehr, denn die Kinder waren nicht mehr zu halten. Sie stürmten zum hinteren Ausgang in den Garten, rissen ungestüm die Tür auf, liefen nach draußen und blieben wie angewurzelt stehen.
   Nichts Gutes ahnend stürzte ich hinterher und stoppte auch abrupt. Ich glaube, der Mund stand mir offen vor Schreck.
   Was war? Mein Ole stand, mit freudig wedelndem Schwanz, inmitten von angeschleppten Ostergeschenken.
   Da war alles vorhanden. Von einzeln eingepackten Ostereiern, kunstvoll verzierten Osterhasen aus Schokolade, Süßigkeiten im Beutel und was es sonst noch alles gab.
   Ich war jedenfalls erstaunt von der Fülle der Ostergeschenke. Und sogar ein Körbchen mit Henkel, voll mit guten Gaben, verzierte die Ansammlung. Wie ich später erfuhr, war dieses Körbchen für die Jüngste vorgesehen.
   Aber, nun stand ich da, der gute Bekannte der Familie, der mit seinem „ungeratenen“ Hund eine ganze Familie in ein kleines Chaos gestürzt hatte.
   Ich meinte, geistesgegenwärtig zu sein, und sagte zu allen Beteiligten: „Das geht gleich in Ordnung, wartet nur ein bisschen!“ Nur meinen Jagdfreund hielt ich fest und sagte: „Du musst mir helfen.“
   Die Kinder und ihre Mutter wurden wieder ins Haus gebeten und auf später vertröstet. Nun fingen wir an, alle Ostergaben neu zu verstecken.
   Mein Hund, der immer noch neben seinem „Werk“ stand, wedelte auch immer noch mit seiner Rute und wollte offensichtlich noch gelobt  werden, weil er so toll apportiert hatte.
   Strafe war nicht angebracht, also sagte ich leicht reserviert zu ihm: „Fein gemacht! Bleib hier und warte!“ Gehorsam setzte er sich und schaute interessiert, was wir jetzt machen würden.
   Zuerst kontrollierten wir die Ostergeschenke und mussten feststellen, dass nichts angebissen oder zerstört war. Nur einige Süßigkeiten waren angesabbert und wurden von uns schnell mit einem Taschentuch wieder trocken gerieben.
   Dabei dachte ich mit einem leichten Lächeln an die Bedenken der Hausfrau in Bezug auf die Bakterien durch meinen Hund.
   Nachdem wir alles neu versteckt hatten, sagten wir der Frau des Hauses, dass die Kinder jetzt kommen könnten.

   Ungeachtet der kleinen Panne stürmten die lieben Kleinen in den Garten und fanden auch bald die neu versteckten Ostergeschenke.

Große Freude

   Die Freude war groß, die unangenehme Überraschung, die mein Hund Ole verursacht hatte, war so gut wie vergessen. Mein Ostergeschenk war aber nicht angeschleppt worden.
   Nach einer intensiven Suche fand ich ganz hinten, am Rande des Grundstücks unter einem dichten Busch eine gut verpackte Flasche Obstler, die wohl für mich vorgesehen war.
   Ich denke, dass mein Hund erkannt hatte, dass diese Flasche Obstler für mich gar nicht gesund sei und sie deshalb unbeachteter Weise unter dem Busch liegen gelassen hatte.
   Zu Hause angekommen – mein Hund war versorgt, denn er hatte von dem guten Osterfrühstück ja nichts abbekommen –, dachte ich noch einmal über diesen Ostervormittag nach.
   Einen Vorwurf oder eine Strafe konnte ich meinem Ole nicht zumuten. Er war lediglich seiner angeborenen Passion gefolgt. Nämlich zu apportieren. Im Gegenteil, ich konnte froh darüber sein, dass er nicht einen echten Osterhasen vor die Tür gelegt hatte!