Die Heidegeister vom Totengrund

Was passieren kann, wenn man zu viel gegessen hat – Ein weihnachtliches Erlebnis mit Jagdhund im Naturschutzgebiet

 

Von Oscar Wolff
Weihnachten 2010


   Im vergangenen Jahr, am Heiligen Abend, ist mir etwas ganz Seltsames passiert. Das hat mich so beeindruckt, dass ich euch davon berichten muss. Aber bevor ich diese Geschichte erzähle, stelle ich mich erst einmal vor. Etwas älter bin ich schon, so zwischen 60 und 70 Jahren. Mein kleines Häuschen steht in der Lüneburger Heide, in der Nähe von Wilsede. Ganz idyllisch, inmitten von Obstbäumen, die in diesem Jahr gar nicht so recht tragen wollten. Dort wohne ich ganz alleine, weil ich nie eine Familie hatte. Aber so ganz stimmt das nicht. Bei mir wohnt ja auch noch ein vierbeiniger Freund. Er heißt Ole und ist ein Hund, nämlich ein Golden Retriever.

   Mit ihm bin ich auch zur Schule gegangen, zur Hundeschule. Ole habe ich aus Dänemark geholt, als er neun Wochen alt war. In der Hundeschule konnte er dann mit vielen anderen Welpen herumtollen und spielen. Und so, wie die Ausbilder sagten, sozialisiert werden. Das ist wichtig für das weitere Hundeleben, weil sie so lernen, miteinander umzugehen. Und als er älter wurde, genau zur richtigen Zeit, bekam er auch eine gründliche jagdliche Ausbildung.

   Jetzt habt ihr bestimmt schon herausgefunden, dass ich ein Jäger bin. Jeder gute Jäger sollte einen ausgebildeten Hund haben, mit dem er zur Jagd geht. Mit Ole habe ich einen ganz tollen Partner. Er ist ein Apportierer, das heißt, er bringt mir alles, was ich erlegt habe und was er tragen kann. Ganz prima macht er das zum Beispiel im Winter, wenn Enten bejagt werden.
   Bei der Entenjagd ist das so, dass die Jäger mit ihren Hunden am Ufer eines Bachlaufes oder Teiches stehen und warten, bis die Enten angeflogen kommen. Und wenn es soweit ist und ich geschossen habe, schicke ich Ole los. Auch wenn es gefroren hat und Eis auf dem Wasser ist, stürzt mein Hund sich darüber hinweg und gleitet in das eiskalte Wasser, packt die Ente und schwimmt zurück an die Eiskante, klettert darüber und bringt mir die Ente ans Ufer. Dann wird er ganz gewaltig gelobt, und wenn die Entenjagd vorbei ist, rubbele ich ihn mit einem mitgebrachten großen Handtuch wieder trocken. Aber so richtig nass wird er gar nicht. Sein Unterfell enthält Fett, und das lässt kein Wasser durch.

   Aber nicht nur im Winter arbeitet er gut, sondern auch im Wald. Er stöbert in meiner Nähe zum Beispiel Hasen und Kaninchen auf, die er mir nach dem Schuss bringt.

   Das musste ich euch erst einmal erzählen, bevor meine Geschichte beginnt. Am Heiligen Abend, als das alles passierte, hatte ich erst ein anständiges Mittagessen zubereitet. Nämlich Ente mit Rotkohl und Kartoffelklößen. Dazu auch eine gute Sauce und Nachtisch. Ich glaube, dass ihr euch vorstellen könnt, dass Ole mir in der Küche nicht von der Seite weichen wollte. Es roch so gut aus dem Herd, dass ihm einige Tropfen aus der Schnauze liefen. Die Jäger sagen fachmännisch Fang.

   Nachdem ich mit großem Appetit das Mittagessen zu mir genommen hatte, bekam mein Ole ausnahmsweise auch eine anständige Portion ab. Sonst gibt es für ihn nur spezielles Hundefutter, aber Ausnahmen müssen an solchen Tagen auch gemacht werden.

   Nach dem reichhaltigen Essen guckte ich Ole an und sagte zu ihm: „Wollen wir jetzt einen Mittagsschlaf machen oder auf Jagd gehen?“ Und weil ich oft mit ihm rede und er das Wort Jagd kennt, wurde er ganz aufgeregt, rannte zur Garderobe, brachte mir einen Jagdstiefel, bellte ganz laut und wollte einfach nur los.

   Da draußen Minusgrade herrschten und hoher Schnee lag, hatte ich Oles Pfoten dick mit Fett eingerieben, damit der Schnee nicht zwischen den Ballen an seinen Pfoten festklebt.


Ein Hase soll‘s sein

   Und dann ging es aber endlich los! Mit dem Auto, das Allradantrieb hatte, fuhren wir in die Heide. Ich hatte den Gedanken im Kopf, für Silvester einen Hasen zu schießen. Auch an meinen Hund dachte ich. Denn dann konnte er sich noch einmal austoben und einen Hasen durch den hohen Schnee apportieren.

 

   So stellte ich mir den Nachmittag vor. Aber es wurde ganz anders. Schon weit vor dem Totengrund, zu dem ich wollte, musste ich auf einem Parkplatz halten. Von dort aus war die Weiterfahrt verboten, damit die Autos die Heide nicht beunruhigen. Die Heide wurde schon vor langer Zeit zum Naturschutzgebiet erklärt.

Warum der Totengrund so heißt, weiß ich auch nicht. Da steckt bestimmt eine gruselige alte Sage hinter.

   Ich war im Besitz einer Sondergenehmigung und durfte daher in der Heide jagen. Es ist genau vorgeschrieben, was dort erlegt werden darf.

   Oh, was hatte ich alles eingepackt, damit wir ja nicht frieren. Für Ole hatte ich eine Wolldecke mitgenommen und für mich einen Ansitzsack, die Flinte und einen Rucksack musste ich auch tragen, mein Sitzstock war natürlich auch dabei.
   In der Heide hatte es weniger geschneit, sodass wir gut vorankamen. Wir beiden mussten noch etwa drei Kilometer laufen, bevor wir am Ziel waren. Das war ganz schön anstrengend!
   Im Oktober hatte ich bei einem Spaziergang mit Ole mitten im Totengrund eine ganz alte Buche entdeckt, die allein auf einer Lichtung stand. Das ist eine Solitärbuche. Sie hatte tief herabhängende Äste und war riesengroß. Dort wollte ich hin, um mich unter den Ästen niederzulassen.
   Kaum angekommen, sagte ich leise zu Ole: „Ganz still sein!“ und legte meinen rechten Zeigefinger auf meine Lippen. Das kannte er.

   Nun machte ich es in aller Ruhe und ganz leise für uns gemütlich. Ole legte sich auf seine Wolldecke und kuschelte sich zusammen. Ich schlüpfte in den Ansitzsack, setzte mich auf den Sitzstock und lehnte mich ganz bequem an den dicken Stamm der Buche.

   Die geladene und gesicherte Flinte legte ich mir griffbereit auf den Schoß. So, jetzt konnten die Hasen kommen! Wir waren gut versteckt und vorbereitet.

   Ole passte auf. Das sieht immer sehr lustig aus, wenn er versucht, seine Schlappohren aufzustellen. Ich bleibe aber immer ganz ernst und lache auch nicht. Übrigens, achtet einmal darauf, Jagdhunde haben immer Schlappohren.
   So, nun waren wir beiden an Ort und Stelle, und es passierte nichts, gar nichts. Oles Ohren, zu denen der Jäger Behang sagt, bewegten sich auch nicht mehr. Nicht einmal ein Reh oder ein Fuchs kamen vorbei. Weihnachtliche Stille breitete sich aus.
Schon wurde es etwas diesiger, und so ganz hell war es auch nicht mehr.
   Jetzt hörte ich auf einmal ein Geräusch. Ganz eigenartig. Etwas Rasselndes, Gleichmäßiges. Ich schaute mich nach links und rechts um und konnte nichts entdecken, was diese Geräusche verursachte. Dann auf einmal war mir alles klar: Ole war eingeschlafen und schnarchte. Ich dachte: „Du alter Verräter!“ und lachte in mich hinein. Aber Recht hatte er ja. Warum sollte er hellwach sein, wenn sich absolut nichts bewegt.
   Ich ertappte mich dabei, dass auch meine Augen etwas schwerer wurden. Aber halb waren sie noch offen. Immer mehr musste ich kämpfen, um wach zu bleiben. Nun fing es auch noch an zu schneien. Immer ganz ruhig, ohne von einem Windzug bewegt, rieselte der Schnee herab. Aber wir waren ja geschützt unter der großen Buche.

   In meinen Ansitzsack hatte ich zwei Fußwärmer gesteckt. Das sind Dosen aus Metall, in die glühende Holzkohle hineinkommt.


Vom Schlaf übermannt

   All diese Umstände, von der wohligen Wärme bis zur wunderschönen Stimmung um mich herum, haben wohl dazu geführt, dass ich einschlief. Aber vor mir, auf der kleinen Lichtung, noch unter dem Baum, war auf einmal Bewegung. Kleine Wesen, dick eingehüllt in Umhänge, die, so konnte ich erahnen, aus Heidekraut gewebt waren, bewegten sich im Kreis. Auf dem Kopf trugen sie Mützen mit langen roten Zipfeln, die bis auf den Rücken herunterhingen. Nun fingen sie an zu summen. Erst leise und dann lauter. Sie hatten uns nicht bemerkt. Ole und mich, so gut hatten wir uns versteckt.
   Nun fingen die kleinen Wichtelmännchen auch noch an zu singen. Erst ganz leise und dann lauter. Das hörte sich an wie ein Weihnachtslied. Ein Wichtelmännchenweihnachtslied. Nun meinte ich auch, den Text zu verstehen.
   Mein Ole bekam von all dem nichts mit. Er lag auf seiner Wolldecke, hatte sich ganz klein gemacht und seine buschige Rute über seine Schnauze gelegt und schnarchte auch nicht mehr.
   Die Wichtelmännchen, im Stillen hatte ich sie aber längst umgetauft in Heidegeister, sangen immer lauter. Ganz deutlich sangen sie in einer schönen Melodie von Weihnachten bei den Tieren der Heide. Ich verstand auch den Text des Liedes. Es handelte von Frieden und Eintracht zwischen Menschen und Tieren nicht nur bei uns, sondern auf der ganzen Welt.
   Und dann, in der letzten, der fünften Strophe ihres Liedes, sangen sie speziell von den Hasen in der Lüneburger Heide.
   Sie sangen davon, dass es nur noch so wenige gebe, und dass die Jäger zu viele schössen. Und überhaupt, Weihnachten, am Fest des Friedens, sollte gar nicht gejagt werden.
   Die Lichtung wurde wieder freier einsehbar, und von den Heidegeistern war nichts mehr zu sehen. Wie aufgelöst, als wenn sie nie dagewesen wären.
   Wohl durch die plötzliche Stille schreckte ich hoch und war schlagartig ganz wach. Ole auch. Er blickte sich ganz erstaunt um. Um uns herum war nichts, gar nichts. Auch keine Spuren im Schnee von den Heidegeistern, die ich doch ganz genau zu sehen geglaubt hatte. Jedenfalls war es so, dass es fast dunkel geworden war, der Mond schon aufging und wie eine halbe gelbe Scheibe am Himmel stand und uns half, den Weg zum Auto zu finden.
   Die großen Wacholderbüsche mit ihren langen Schatten sahen im Mondlicht gespenstisch aus.


Geträumt und doch wahr

   Auf unserem mühsamen Weg musste ich darüber nachdenken, was ich da erlebt hatte. Ich wollte für Silvester einen Hasen schießen, dann hatte ich einen Traum, in dem die Heidegeister mich auf ihre Art darauf aufmerksam machten, dass mein Handeln zu Weihnachten nicht angebracht sei. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr erkannte ich die Wahrheit des von mir Erlebten.
   Und außerdem, Ole und ich hatten auch wohl zuviel von dem guten Entenbraten gegessen, was dazu führte, dass wir einschliefen und ich träumte.
   Meinen Ole hat das alles nicht weiter berührt und er wartet ständig darauf, dass es endlich zur Jagd geht – egal, ob Weihnachten oder zu einem anderen Feiertag.