Svenn, der Schwarzelch

Ein Schwarzelch in Berlin
Ein Schwarzelch in Berlin

 Auf unserem Fensterbrett im Wohnzimmer stehen zwei Bäume aus den Redwoods von Amerika, die ein kleiner, schwarzer Elch seit ein paar Monaten als sein zuhause ansieht.

 

Woher ich das weiß? Neulich, als schon alles dunkel war, und das ganze Haus schlief, haben die drei sich leise unterhalten. Sie haben gar nicht gemerkt, dass ich mich noch im Zimmer befand, auf dem Sofa eingeschlafen war und durch ihr Flüstern wach wurde. So konnte ich sie belauschen, und alles erfahren, was sie mir bestimmt nie erzählt hätten!

Die Bäume, die schon seit 18 Jahren ihr Dasein in Berlin fristen, waren sehr erfreut gewesen, als eines Tages aus einem unscheinbaren Paket ein Elch ausgewickelt wurde und in ihren Mini-Wald Einzug hielt. Lange versuchten sie schon, mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber alles was er preisgab, war sein Name – Svenn – mit 2 „n“.

Nun, diese Nacht endlich erzählte er seine unglaubliche Geschichte, und die zwei Bäume waren sehr gerührt.

 

Svenn wurde letzten Sommer in den tiefen Wäldern von Schweden geboren. Seine Mutter, die Elchkuh Sibille, hatte sich zur Geburt wie es üblich war, in das dichteste Dickicht zurückgezogen. Sie war eine sehr imposante Elchkuh, mit tiefrotem flammenden Fell und gutmütigen Elchaugen. Die Geburt dauerte bis tief in die Nacht, und als Svenn endlich zur Welt kam, passierte etwas Seltsames. Kaum war er da, sah ihn seine Mutter nicht mehr. Sie suchte mit ihrer Schnauze überall nach ihm, versuchte ihn zu sehen (Elche können nachts normalerweise sehr gut sehen) und schnüffelte verzweifelt nach ihrem Elchbaby – nichts. Der Grund war einfach, aber von einem Elch nun wirklich nicht zu verstehen. Svenn hatte schwarzes Fell, und so war er nachts praktisch unsichtbar. Und da Sibille gerade einen fürchterlichen Elchschnupfen hatte, war ihr Geruchssinn leider völlig hinüber.

 

Das Fell muss der kleine Elch von seinen Urururahnen geerbt haben, denn seine ganze Familie gehörte zu der stolzen Familie der Rotelche. Doch die Natur war launisch und hat sich bei ihm erinnert, dass es auch mal anders geht, vielleicht wollte sie auch nur, dass er hervorsticht und man sofort sieht, dass er etwas Besonderes ist, jedenfalls war er tiefschwarz.

Elchbabys können nach der Geburt sofort aufstehen und laufen, und so tat es auch Svenn. Er stand auf, und suchte instinktiv seine Mutter. Da sah er sie, aber sie guckte in eine ganz andere Richtung und stieß lockende Laute aus, so sah es für ihn aus, als ob sie den kleinen Luchs auf der anderen Seite des Busches meinte. Da war er sehr verwundert und auch sehr traurig. Das kann doch gar nicht meine Mutter sein, wenn sie nicht nach mir ruft, dachte er und ließ die kleinen Ohren hängen.

Und weil er langsam hungrig wurde, machte er sich auf den Weg durch den Wald, um seine richtige Mutter zu suchen. Er lief, solange ihn seine kleinen Beine trugen, und als er nicht mehr konnte, da legte er sich auf ein Fleckchen Moos und schlief ein. Er hatte einen wunderbaren Traum, in dem er satt und zufrieden an seine Mutter gekuschelt lag, aber als er aufwachte, war er allein und immer noch hungrig.

Da stakste er weiter durch den Wald, bis er an eine Lichtung kam. Die Natur hatte für Svenn ein glückliches Schicksal geplant und so waren auf dieser Lichtung Waldarbeiter, die einige Bäume fällten, um daraus Möbel herstellen zu lassen. Der erste von ihnen, der den kleinen Elch sah, rief erstaunt seine Kollegen, und gemeinsam bestaunten sie das Fellbündel, und die zitternden Ohren.

 

Sie alle hatten noch nie einen so schwarzen Elch gesehen! Svenn guckte sie ängstlich an, und gab einen kleinen Laut von sich. Einer der Männer schlug vor, ihn sofort in den nahe gelegenen Tierpark zu bringen, denn da könnte er bestimmt versorgt werden, und dass er Hunger haben musste, sah man ihm nun wirklich an. Als sie am Tierpark ankamen, wurde Svenn erst einmal fachmännisch versorgt, gefüttert, gewaschen und auf Stroh gebettet.

 

Aber es gab niemanden, der seine Mutter sein könnte. Als der Waldarbeiter, der ihn als erster entdeckt hatte, und der sich deshalb verantwortlich für ihn fühlte, nach einer Woche zu Besuch kam, war Svenn zwar schon ordentlich gewachsen, aber hatte immer noch keinen Namen. Da nannte der Mann ihn Svenn, und das zweite „n“ bekam er, weil er so ungewöhnlich war. Und der Name Svenn mit zwei „n“ ist ja auch ungewöhnlich. Der kleine schwarze Elch war sehr froh über einen so besonderen Namen und hatte nun nur noch einen Wunsch – sein zuhause zu finden.

Der Mann kratzte sich unentschlossen am Kinn. Er hatte eine Idee, aber er wusste nicht so recht… Er hatte von einer weit entfernten Großstadt gehört, in der es einsame Bäume gab und da wäre doch ein kleiner Elch genau das Richtige. Nur ein Elch in einer Stadt? Da es aber eine besondere Stadt war, in der so viele verschiedene Geschöpfe friedlich zusammenleben, und sich keiner darum scherte, wie jemand aussah, wo er herkam, oder gar welche Fellfarbe er hatte, fand der Mann schließlich seine Idee doch am besten.

Er packte Svenn in ein kleines Päckchen und los ging die große Reise in das ferne Berlin. Dort angekommen, waren die zwei Bäume das erste was Svenn sah. Und da der nette Mann aus dem Wald ihm versprochen hatte, am Ende seiner Reise endlich seine Familie kennen zu lernen, waren seitdem die zwei Bäume seine Familie und der kleine Mini-Wald auf dem Fensterbrett sein zuhause.

 

Als Svenn mit dieser langen Geschichte fertig war, verstummte er gleich wieder. Das waren auch sehr viele Worte für einen kleinen Elch und wahrscheinlich würden sie ein ganzes Jahr reichen.

Die Bäume sahen verträumt in die dunkle Nacht hinaus. Ich schlich mich leise aus dem Zimmer, um sie nicht zu stören, denn wenn ein Mensch schon Zeuge einer solchen Begegnung wird, soll er es als Ehre betrachten und nicht den Zauber durch den üblichen Menschenlärm zerstören. Seit diesem Abend scheint es mir, als würden die kleinen Äste der beiden Bäume wie ein Lächeln aussehen und das tiefschwarze Fell von Svenn glänzt dazu, und alle drei sehen sehr zufrieden aus.

 

© Anna


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Kommentare: 1
  • #1

    Franz Hermann Grothues (Mittwoch, 07 März 2012 21:49)

    Welch schöne Geschichte. Haben wir mit Freude gelesen und hier plaziert.
    Mit viel Phantasie und einfühlsamen Worten ist es Dir gelungen, uns die Abenteuer des kleinen Schwarzelches Svenn mit 2 "n" zu erzählen.
    Wir sind schon ganz gespannt auf Weiteres.