Wenn die Liebe allein nicht mehr genug ist

ein Platz für Gedanken
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 Gedanken am See über Vergangenes und die Zukunft

 

 

 

 

 

Der See liegt eingebettet in die Wälder, deren Fichten bis an sein Ufer herantreten und ihren Schatten im Wasser spiegeln. Nur an wenigen Stellen weichen sie etwas zurück und machen für kleine Lichtungen Platz.

Eine dieser Lichtungen liegt auf einer kleinen Landzunge, die am östlichen Ufer in den See hineinragt. Dort steht, an den Wald gekuschelt, eines der typischen schwedischen Häuschen aus rot gestrichenem Holz mit weißen Fenstern. Eine Holzterrasse umschließt die beiden Seiten des Häuschens, von denen man einen wundervollen Ausblick auf den See hat.

Dieser See liegt still in der Sonne und die Augen der alten Frau haben Mühe die feine Linie zwischen der Realität und der Spiegelung zu finden. Sie hat es sich in einem der Korbsessel mit einer Decke bequem gemacht und genießt die wärmenden Strahlen der Frühlingssonne. Noch einmal wieder Frühling. Sie weiss noch nicht, ob es der letzte sein wird, den sie hier oder überhaupt erleben wird. Seit ein paar Jahren wird das Herz immer schwächer und die Beine wollen auch nicht mehr so richtig. Der letzte Winter mit seiner extremen Kälte hat ihr sehr zu schaffen gemacht und sie sehnt sich nach Sicherheit und Geborgenheit.

 

Als sie vor neunzehn Jahren mit Mitte Sechzig noch den Schritt wagte und ihrer großen Liebe aus der Großstadt Stockholm in die Einsamkeit der schwedischen Wälder folgte, bedeutet die Nähe der Natur Friede und Geborgenheit für Agneta. Ole hatte sich hier ein kleines Refugium geschaffen. Nach den unruhigen Jahren als junger Mann, in denen er zur See gefahren war, hatte er sich erst in dem alten Haus drei Kilometer südlich nieder gelassen und dort eine kleine Landwirtschaft betrieben. Als sich die Chance bot, die kleine Landzunge mit den umliegenden hundert Hektar Wald günstig zu kaufen, hatte er nicht länger gezögert und das Häuschen am See für sich aufgebaut und eingerichtet. Dann war sie eingezogen und sie hatten jahrelang das gemeinsame Glück genossen.

 

Agneta überlegte, wann sie sich angefangen hat Gedanken zu machen und wann es begonnen hat, dass sie sich nicht mehr sicher fühlte. War es die beginnende Vergesslichkeit Oles? War es der schleichende Verfall ihres eigenen Körpers? Sie konnte es nicht sicher sagen. Nur eines wusste sie genau, das, was ihr vor einigen Jahren noch Sicherheit und Frieden geboten hatte wurde allmählich zur Bedrohung. Immer öfter kreiste ihr Denken um die Frage, was ist wenn einer von uns mal verunglückt? Was ist, wenn mein Herz plötzlich nicht mehr will? Hilfe würde bis hierher weit draußen zu spät kommen. Soweit sah sie die Dinge realistisch. Und dies war auch der Grund für ihren Entschluss wieder nach Stockholm zurück zu gehen, denn dort lebten ihre Kinder und sie wäre nicht mehr alleine auf sich gestellt.

 

Alleine? Da war doch noch Ole, zwei Jahre jünger als sie selber, den sie immer noch innig liebte. Und doch war sie zunehmend alleine, denn er bewegte sich immer häufiger in seiner eigenen Welt, zu der sie keinen Zugang bekam. Dies machte sich bemerkbar, wenn er immer häufiger Dinge vergaß, die vorher mehrfach besprochen worden waren. Auch einfache Zusammenhänge mussten ihm immer wiederholt erklärt werden, bevor er Ruhe gab. Er bemühte sich zwar wie eh und je um sie, aber die Sicherheit und die Zuverlässigkeit waren verloren gegangen.

 

Deshalb war Agneta froh, als im letzten Sommer das deutsche Pärchen aufgetaucht war und sich für das alte Haus interessierte. Die Frau war Mitte fünfzig und der Mann hatte gerade seinen sechzigsten Geburtstag vor sich. Als sie gehört hatten, dass Ole seinen gesamten Besitz verkaufen wolle, zeigten sie ernsthaften Willen, das alte Haus zu kaufen. Sie hatten sich, genau wie Agneta damals, in die Umgebung und das Häuschen verliebt. Ole hatte sich dann ja auch erst etwas unentschlossen gezeigt, doch als sie das Ganze mehr in die Hand genommen hatte, war er mit dem Verkauf einverstanden, weil das Paar ihn an seine eigene Zeit mit ihr erinnerte und er die Beiden mochte. Hier wäre sein Häuschen in guten Händen.

 

Ach ja und nun war alles perfekt und eine Hürde erfolgreich überwunden. Und dennoch war Agneta unglücklich und haderte mit ihrem Schicksal. Ole wollte nämlich nicht mit nach Stockholm, sondern hier in der Gegend zu einem seiner jüngeren Brüder ziehen. Insgesamt hat er noch vierzehn Geschwister, die alle noch leben und in einem Umkreis von fünfzig Kilometern wohnen und er wollte auch nicht fort. Agneta wusste, dass es ihn in der großen Stadt nur noch mehr verwirren würde und er sich sehr eingeengt und unglücklich fühlen würde. Deshalb hatte sie es auch aufgegeben, ihn zu überzeugen mit ihr zu kommen. Sein Glück lag halt hier an dem kleinen See in Südschweden.

 

Wenn da nur nicht ihre Angst wäre, ja dann müsste sie nicht fortlaufen, ja dann könnte sie ja vielleicht einfach hier bleiben und den Dingen, die da kämen gefasst entgegenblicken.

Was sollte denn eigentlich schon passieren? Sie könnte im schlimmsten Falle selber hier sterben oder Ole in ihren Armen sterben sehen.

Dieser Gedanke setzte sich in ihrem Kopf fest und je länger sie ihn zuließ, desto mutvoller wurde sie. Mit vierundachtzig Jahren sollte man keine Angst mehr vor dem Tod haben, sagte sie sich. Und warum nicht dem Schicksal vertrauen, dass sie ja auch zu ihrer großen Liebe geführt hatte. Diese Liebe, die sie auch jetzt wieder in sich spürte, als sie die Augen auf die spiegelnden Bahnen des Sonnenlichtes richtete, das auf der glatten Oberfläche des Sees seine Muster zeichnete.

 

Vielleicht reicht die Liebe ja doch?

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Ulla (Mittwoch, 19 November 2014 21:21)

    Sie hat gereicht, die Liebe.
    Im Herbst 2013 ist Agneta am See gestorben. Ole lebt noch dort. Mit der Unterstützung seiner Familie schafft er es alleine. Wenn der nächste Winter nicht zu streng wird, wird er noch am See bleiben können.
    Ich wünsche es ihm.

    Ulla

  • #2

    Ulla (Mittwoch, 21 Januar 2015 20:36)

    In der Woche vor Weihnachten im Dezember 2014 musste Ole in ein Altenheim in der 25 km weit entfernten Stadt ziehen. Es ging auch mit Hilfe seiner Familie nicht mehr allein in seinem Haus am See.

    Nun steht es leer und die Vögel warten auf neue Bewohner. Wer das wohl sein wird?

    fragt sich, Ulla